Leonard Cohen übt sich im ›Waiting for the Miracle‹ ähnlich sinnlos wie Samuel Becketts Landstreicher im ›Warten auf Godot‹. Doch woher kommt es eigentlich, dass dem modernen Menschen das Warten zu einer so misslichen Begleiterscheinung des alltäglichen Lebens geworden ist? Haben wir früher besser gewartet? Und was hat das alles mit demokratischer Praktik zu tun?


Manchmal muss der Schriftsteller lange warten, bis eine Idee kommt. Es ist deshalb immer ein Zeichen vorschnell verfasster Lektüre, wenn sich Autoren der Hinfälligkeit ihres Werkes schon zu Auftakt ergeben – und mit überflüssigen Verweisen zur Etymologie ihres begrifflichen Sujets langweilen. May tat es im Winnetou, Caesar in seiner Asterix-Vorlage zum gallischen Kriege, und Gott machte es mit seiner Bibel. Doch auch wenn Erklärungen zu Greenhorn, Kelten und Logos dem ungebildeten Leser oft nottun, wartet der gereifte Schreiber lieber auf das Ende der Schreibblockade – und verzichtet auf dümmliche ›Ursprünglich bedeutet das Wort‹-Phrasen zu Werkbeginn.

Ursprünglich bedeutet das Wort ›warten‹ in seinem mittelhochdeutschen Gebrauch nichts anderes als ›Ausschau halten‹. Hierzu eigneten sich nicht nur begrifflich Warttürme, auf denen sich hinter dicker Steinwand auf das vielleicht erscheinende Objekt warten ließ. Pirschende Räuber und unbequeme Invasoren konnte der Wärter dann umgehend der Zentrale melden. Früher, als alles besser und aus Stroh war, verstanden die Leute das Warten deshalb eher als tatsächliche Beobachtung von irgendwas. Heute allerdings heißt Warten meistens ›Zeit absitzen‹. Woher kommt das? Warum ist das Warten so unerträglich geworden?

An dieser Stelle böte sich nun ein kleiner, sperriger Absatz zu Digitalisierung und Beschleunigung an, der in beliebiger Reihenfolge aus den Wortfetzen »globalisierte Welt«, »alles wird schneller«, »Informationsflut«, »Kurzlebigkeit«, »95% aller Smartphones« und den Nutten-Adjektiven »komplex« und »vernetzt« zusammengeschissen werden könnte. Das aber ist die Bestimmung anderer Leute.

 

WARTEN WIE EIN RIND

»Ich bin unpünktlich«, notiert der wirre Kafka in sein Tagebuch, »weil ich die Schmerzen des Wartens nicht fühle. Ich warte wie ein Rind.« Selbstredend, dass man vor solchen Sätzen weniger Angst haben muss als vor den ungewaschenen Literaturstudenten, die sie im Mate-Rausch erklären. Denn die Wahrheit ist eine einfache: Wer sich beim Warten ärgert, kann sich auch genauso gut über die verlorene Zeit am Pissoir beschweren.

Kein elektrisches Gerät im Warte-Modus heult sich bei seinem Nutzer über sein Schicksal aus. Derlei Technologien fahren einfach alles runter und signalisieren lediglich mit rotem Lämpchen, generell noch da zu sein. Sie nutzen den Standby-Betrieb zur Erholung, und vergeuden keinen unnötigen Strom für Ausraster wie lautes Piepen oder ungeduldiges Blinken.

Warum gelingt das dem westlichen Menschen nicht? Warum machen Warteschlangen aus ganz normalen Bürgern plötzlich Kinskis und Sheens? Beschimpfen die anderen Kunden im Supermarkt die vordrängelnde Oma nicht zu Unrecht als »alte Drecksau«?

 

UNABHÄNGIGE EREIGNISSE

Es erscheint fragwürdig, dem Azubi am Deutsche-Bahn-Infoschalter eine Glasflasche an den Kopf zu schmeißen, weil der verspätete Zug zu einer halbstündigen Wartezeit zwingt. Denn eigentlich macht es wenig Unterschied, im Bahnhof auf die Öffentlichen zu warten oder im Wartturm auf den anrückenden Feind. Letzteres würde man ja unsinnigerweise als ›sinnvolles Warten‹ empfinden. Ist es aber nicht.

Das Eintreten des Ereignisses ist vom Wartenden unabhängig, und richtet sich vielmehr nach Fahrplan oder Kriegstaktik. Warten an sich meint deshalb zuvörderst aufmerksames Beobachten auf irgendetwas, was man nicht selbst beeinflussen kann – mit dem einzigen Ziel, das zu Erwartende nicht zu verpassen. Wer sich also ob der ›verlorenen Zeit‹ brüskiert, missversteht die Teleologie hinter dem Ganzen.

 

WARTEN IN KAMERUN, ÄRGERN IN DEUTSCHLAND

Mehr als die Hälfte der Deutschen rasten während des Wartens aus – wenn’s beim Zahnarzt zu voll ist, wenn der Laptop zu langsam lädt, oder die Innenstadt vollgestaut ist. In anderen Kulturkreisen ist das anders. Die Psychologin Bettina Lamm hat 2014 den Marshmallow-Test wiederholt, bei dem Drei- bis Fünfjährige dann belohnt werden, wenn sie dem Anblick einer Süßigkeit länger als zehn Minuten widerstehen können. Eigentlich zeigt das ursprüngliche Experiment: Wer als Kind seine unmittelbaren Triebe aufschieben kann, ist später erfolgreicher. Die Probanden der Versuchsreihe stammen allerdings stets aus westlichen Ländern – die offensichtlich eine ähnliche Wartekultur pflegen.

Lamm führt den Test erstmals an zweihundert deutschen und kamerunischen Kindern durch. Das Ergebnis ist für diejenigen überraschend, die die Langsamkeit des afrikanischen Alltags nicht kennen. Nur 30 Prozent der deutschen Kinder bestehen den Test – und das unter höllischem Nörgeln, Rumjammern und infantilen Selbstgesprächen. 70 Prozent ihre kamerunischen Altersgenossen hingegen meistern die Aufgabe ohne große Schwierigkeiten. Ganz im Gegenteil – sie warten geduldig, bis die Zeit rum ist. Zehn Prozent der kleinen Hosenscheißer schlafen einfach ein.

Lamm erklärt das Verhalten der kamerunischen Kinder mit erlernter Selbstkontrolle. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Kinder machen ja immer das, was Erwachsene auch machen. Und hier unterscheiden sich Deutschland und Kamerun ganz erheblich. Denn in der Bundesrepublik hat sich die ursprüngliche Bedeutung des Wartens als ›Beobachten von Unabhängigem‹ langsam zur ›Zeitverschwendung‹ gewandelt.

 

WARTE-KULTUR UND DEMOKRATIE

Am Flughafen Houston motzten immer mehr Passagiere über zu lange Wartezeiten am Gepäckband. Nachdem mehr Kofferträger an der Ausgabe arbeiten, sinkt die lästige Zeitverschwendung auf acht Minuten – doch trotzdem halten die Beschwerden an. Erstaunt untersucht die Flughafenleitung daraufhin, was die Fluggäste tatsächlich so verärgert. Eine Minute gehen die Reisenden zur Gepäckausgabe, sieben Minuten stehen sie anschließend rum. Der Geduldsfaden reißt also, weil 88 Prozent für Wartezeit draufgehen.

Die Chefetage beschließt deshalb, das Gepäckband kurzerhand in das hinterste Eck des Flughafens zu verlegen. Noch immer dauert es acht Minuten, bis die Trolleys auf den Bändern erscheinen – nun allerdings müssen die Passagiere sieben Minuten zur Ausgabe laufen, um dort eine letzte Minute zu warten. Seitdem gibt es am Flughafen Houston keine Beschwerden mehr.

Das Prinzip dahinter ist eigentlich schon länger bekannt. Als die ersten Aufzüge in amerikanischen Hochhäusern fuhren, beschwerten sich die geschäftigen Benutzer über zu lange Fahrtzeiten. Die Kummerkästen blieben leer, nachdem große Spiegel an die Aufzugswände gesetzt wurden: Die Zeit ist ja immer zu knapp, um alle Schuppen vom Dekolleté zu wedeln oder der eigenen Visage ein unverkrampftes Gewinnerlächeln abzuringen. Und nun wartet der Fahrgast nicht mehr, sondern beobachtet wieder.

Der amerikanische Anthropologe Edward T. Hall schreibt: »Es ist uns eine demokratische Tugend, die Leute ohne Rücksicht auf ihren beruflichen Status zu bedienen.« In einer langen Schlange zu warten ist für Hall Ausdruck demokratischer Überzeugung: Niemand darf sich vordrängeln, weil er besser ist oder kann. Wer also nicht in der Lage ist, sich an den eigentlichen Sinn des Wartens zu erinnern, muss sich nicht ärgern. Denn ist es nicht viel schöner zu wissen, ein echter Demokrat zu sein, während man in der Warteschlange steht?

Einfach mal die Ossis fragen.

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