Einer der bekanntesten Täter des ›MeToo‹-Skandals beginnt sein Comeback – rund zehn Monate nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit. Ob sich Louis C. K. damit einen Gefallen getan hat, bleibt abzuwarten. Das moralische Publikum sollte sich allerdings einer viel dringlicheren Frage widmen: Wie gehen wir mit dem Werk eines Künstlers um, der sich wie ein Arschloch aufgeführt hat?


Eine Stunde vor Mitternacht ist es soweit: Vor 115 Zuschauern betritt Louis C. K. die Bühne des New Yorker Comedy Cellar. Einige Frauen in der ersten Reihe erstarren, der Großteil des Publikums applaudiert. Fünfzehn Minuten lang belustigt der einst größte US-amerikanische Comedian des 21. Jahrhunderts die Anwesenden – Altbekanntes aus dem Repertoire, ein Vergewaltigungswitz, ungefährliche Rassismuskalauer zum Auflockern. Kein Wort allerdings zu #MeToo, nichts zu den Belästigungsfällen, keine komödiantische Reflexion der ihm angelasteten Schweinereien.

 

DIE GEILE MACHT

Die Anschuldigungen, die die New York Times im November 2017 abdruckt, handeln nicht nur von Masturbation und unsittlichem Verhalten. Eigentlich geht es um ungeheuerlichen Machtmissbrauch: Louis C. K. nutzte seine unangreifbare Stellung, um den primitivsten seiner Sexualregungen freien Lauf zu lassen – und tat damit, was Spacey, Weinstein und Freeman zurecht zum Vorwurf gemacht wurde.

Anders als bei den Triebtätern von nebenan – die man viel leichter ob ihrer Schandtaten verurteilen kann – steckt die irritierte Öffentlichkeit bei geliebten Stars in einem moralischen Dilemma: Die Künstler sind pervers, doch ihre Kunst außergewöhnlich gut.

Gleiches gilt für die sündhaft leckere Stopfleber. Doch auch die gibt’s nicht ohne die Schandtaten in französischen Gänseställen.

Der Besitzer des Comedy Cellar, Noah Dworman, reklamiert nach Louis sonntäglichem Bühnenauftritt: »Es kann keine lebenslange Strafe für jemanden geben, der etwas falsch macht.«

Eigentlich hätte er fragen müssen: Ist der Künstler verurteilt, muss es dann auch sein Kunstwerk sein?

 

LOUIS C. K. IST NICHT LOUIS C. K.

Hätte Goebbels statt Beethoven das süße »Für Elise« komponiert, es änderte nichts an der musikalischen Essenz des Stückes an sich: Wagner schreibt 1850 den antisemitischen Essay »Das Judenthum in der Musik« – und doch sind die Bayreuther Festspiele immer ausverkauft. Ein Gericht verurteilt Eminem wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu zwei Jahren Knast auf Bewährung. Seiner musikalischen Karriere hat das keinen Abbruch getan. Und selbst Kinskis Streitsucht gab niemals Anlass, seine schauspielerische Gabe in Zweifel zu ziehen.

Wann also dürfen wir Künstler und Kunstwerk trennen?

Wir geben kein Geld für ein Louis-Stand-Up aus, um moralische Integrität zu bewundern, sondern um das fabelhafte Handwerk eines Comedians zu betrachten. Louis C. K. onaniert ja nicht auf der Bühne – er erzählt uns lediglich Witze über eine Figur, die an Vaterschaft, Masturbationstrieb, Fettleibigkeit und sozialem Druck scheitert. Dass nun Teile dieser Karikatur auf den Künstler selbst zutreffen, ändert nichts an der Zote. Würde sie von einem ebenso guten Humoristen vorgetragen, wären wir ähnlich amüsiert.

 

KÜNSTLER, NICHT KUNST BESTRAFEN!

Aus den Verirrungen eines Künstlers folgt keine Konsequenz, seinen Vortrag zu verurteilen. Die Ablehnung eines Werkes darf also nur in der Bestrafung des Künstlers begründet liegen: Kein Geld mehr für »Horace and Pete« bezahlen zu wollen, muss als Schuldspruch gegen Louis C. K. gerichtet sein. Aber nicht, weil man die Serie plötzlich nicht mehr gut findet.

In Zeiten der Strafgesetzbücher und Gefängnisse heißt das aber auch: Die Bestrafung des Subjekts ›Louis C. K.‹ muss unabhängig von der Behandlung seines künstlerischen Sujets vollzogen werden. Nach einem Mord kommt ja auch nicht das Messer, sondern der Stecher hinter Gitter.

Denn wem Kunst nur dann gefällt, wenn der Schöpfer eine weiße Weste hat, dem geht es nicht um die Kunst. Leute, die zu dieser Unterscheidung außerstande sind, sollten lieber in Boulevardzeitungen blättern, als Partituren zu studieren. Im Umkehrschluss heißt das aber eben auch, sich nicht von der lustig-sympathischen Vorstellung eines Louis C. K. blenden zu lassen – und die Widerwärtigkeit seines Verhaltens anzunehmen, statt zu relativieren.

 

BARTHES TÖTET DEN AUTOR

Roland Barthes veröffentlicht 1967 den Aufsatz »Der Tod des Autors«. Er findet, dass Verfasser eigentlich nicht viel mit dem literarischen Werk zu tun haben, dass sie aufschreiben. Zu oft denken Leser, man müsse Sinn und Bedeutung eines Textes vor dem biografischen Hintergrund des Schreibers auslegen. Werthers Leiden sind dann Goethes eigene Gedanken an den Freitod, und Billie Jean ganz einfach Michael Jacksons abgelehnte Vaterschaft in Versform.

Das aber, behauptet Barthes, ist ein Fehlschluss. Indem der Autor nämlich in die Welt der Buchstaben und Sätze eindringt, spielt seine Identität keine Rolle mehr: Er erfindet ja keine ›eigenen‹ Wörter, er benutzt sie bloß. Viel schlimmer noch – er ist dem Medium ›Sprache‹ schutzlos ausgeliefert, das er sprechen muss. Wohl deshalb bemerkt der Kollege Stéphane Mallarmé zu diesem bedauerlichen Sachverhalt: »Das reine Werk impliziert das kunstvoll beredte Verschwinden des Poeten, der die Initiative an die Wörter abtritt«.

Und ganz ähnlich verhält sich das mit allen anderen Künsten. Der Schöpfer ist eben keine kreative Maschine, die Schönes oder Witziges erfindet. Er ist vielmehr ein großer Löffel, der aus riesigen Töpfen voller Phrasen, Tönen, Motiven und fertigen Zitaten schöpft. Erst der konsumierende Leser, Betrachter, Zuhörer macht dann aus dem abgelieferten Kunstwerk etwas Sinnhaftes.

Deshalb stirbt Louis C. K. immer dann, wenn er die Bühne betritt und seinen Mund aufmacht. Als ›Autor‹ seines Spaßprogramms ist er unwichtig, denn sein Werk entfaltet nur vor dem Publikum echten Sinn.

 

RUN, LOUIS, RUN!

Gemeint ist also, dass der wahre Kunstliebhaber auch dann mitweint, wenn an Tom Hanks Stelle ein schauspielernder Charles Manson den sterbenden Bubba (»I wanna go home«) umarmt und später an Jennies Grabe schluchzt (»I miss you, Jenny«).

Deshalb darf sich Louis C. K. wieder ins Rampenlicht stellen. Dass er sich wie ein Arschloch aufgeführt hat, steht in keinem kunstphilosophischen Zusammenhang mit der Figur, die wir belachen.

Und wer die radikale Trennung zwischen Künstler und Kunstwerk nicht hinbekommt, der muss sich eingestehen, mehr zum profanen Starkult als zum gesunden Werkszentrismus beizutragen: »Robbie Williams Liebeslied ist so schön, und deshalb muss auch der süße Robbie ein ganz Lieber sein!«

Schickt Louis zurück auf die Bühne!

Aber schneidet ihm vorher den Pimmel ab. Der Kunst und dem Diskurs ist das nämlich egal.

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