Das ›Rolling Stone Magazin‹ hat eine Liste mit den besten Liedern der Welt veröffentlicht. Das war ein Griff in Zappas Klo: Denn wer schon bei der Auswahl der Juroren alles falsch macht, muss sich den lauten Vorwurf der Einseitigkeit gefallen lassen. Eine Gegendarstellung – ebenso einseitig, aber wenigstens logisch begründet.


Das Rolling Stone Magazin gibt vor, sie zu kennen: Die 500 besten Songs aller Zeiten. Eine Jury aus 172 Musikern, Produzenten und Kritikern durfte ihre Stimme abgeben – und heraus kam das, was passiert, wenn man älteren, weißen Männern Macht über guten Geschmack verleiht. Das Gros der Gewinnerlieder ist aus den 60er und 70er Jahren – also genau der guten alten Zeit, in der die meisten Juroren auf Festivals kifften, abgedroschene Led Zeppelin-Gitarrenriffs emulierten und es neben Achselbehaarung und Cordhose auch noch ›richtige Musik‹ gab. Heutzutage kommt ja eh alles aus dem Computer.

Das beste Lied auf der Liste stammt aus Bob Dylans Feder und trägt den Titel »Like a Rolling Stone«. Es geht um die einstmals reiche Miss Lonely, die nun als Landstreicherin umherzieht. Im Refrain fragt Dylan schadenfreudig nach, wie sich das denn jetzt anfühle. Besonders gefällt der Gassenhauer Hörern, die auch das Magazin an sich mögen, auf dessen Cover entweder ältere, weiße Männer oder hypersexualisierte blonde Teenies mit blauer E-Gitarre im Schritt abgebildet sind.

 

BOB DYLANS MUSIK MÖGEN VOR ALLEM ALT-HIPPIES

Die heutige Jugendkultur kennt das Lied als Rausschmeißer in Bars, in denen nur Bier verkauft und die Wodka Mule-Bestellung mit dem verrauchten Hinweis abgewimmelt wird, man befände sich hier in einer ›richtigen Kneipe‹. Ein solcher Kaschemmenabend wirkt auf die jüngere Klientel dann wie die Tonart, in der Dylans Lied geschrieben ist: C-Dur. Und das wiederum verstehen nur ›richtige Musiker‹.

Es ist eben auch das Rolling Stone Magazin gewesen, das den Song ›Rockstar‹ der kanadischen Band Nickelback in seine Top 100 des Jahres 2007 aufgenommen hat. Das Jahr übrigens, in dem die weltweite Finanzkrise ihren üblen Lauf nahm – ebenfalls aufgrund von absurden Ratings. Wer einen Zusammenhang vermutet, lasse sich von Leadsänger Chad Kroeger in besagtem Scheißlied bestätigen: »I need a credit card that’s got no limit, and a big black jet with a bedroom in it«. Nur die Höllenpforte darf man eben ohne Zensur betreten.

 

PLATON KENNT DIE KRITERIEN

Wer wissen will, welcher Frosch den besten Darmausgang hat, sollte nicht einfach drauf los sezieren. Auf die Methode kommt es an: Was ist denn ›das Beste‹ überhaupt? Was ist ein gutes Froschrektum, und – ähnlich – was ein guter Song? Wer solcherlei Fragen nicht beantworten kann, dem hilft es auch wenig, 172 Antiästheten als Juroren zu erkoren und nach ihrer dümmlichen Meinung zu fragen. Vor allem: Nach welchen Qualitätskriterien hat denn die Rolling Stone-Redaktion ihre Preisrichter ausgewählt? Wer war die Jury, die die Jury selbst bestimmte? Meta-Ebene, Kunstkritik zweiter Ordnung, Feueralarm!

Die Suche nach dem besten Lied der Welt sollte im Kopf beginnen. Musikenthusiast und Denkhausmeister Platon wusste bereits, dass das Gute eine Idee ist, die sich in weltlichen Billboard Charts nur als Abbild äußert. Und darum ist das beste, vollkommene Lied für uns Sterbliche sowieso nur metaphysisch fassbar – anhören kann es nur, wer sich in die Sphäre der absoluten Ideen beamt. Alternativ beschränkt man sich deshalb lieber gleich auf die imperfekten Varianten der profanen Lieder, die wir mit unserer Sinneswahrnehmung – soweit nach jahrelangem Konsum noch vorhanden – begreifen können. Wie das geht? Platon erklärt’s uns in seinem immer noch unentdeckten Manuskript mit dem reißerischen Titel »Platon’s 500 Greatest Songs of All Time«, das in Dialogform aufgebaut und drei objektive Kriterien des besten Liedes beschreibt: Ehrlichkeit, Zeitlosigkeit, Vielseitigkeit.

 

DAS BESTE LIED MUSS LOGISCH ABLEITBAR SEIN

Kriterium № 1: Der weltbeste Song ist kein billiger Dreck, sondern ein ehrliches Werk. Celine Dions »My Heart Will Go On« zum Beispiel hat sich millionenfach verkauft; jeder Takt des Liedes riecht allerdings nach musikalischer Konstruktion für die Masse: Es ist ein ›gemachter‹ Hit, perfekt gesungen, ungefährliche Harmonien, 08/15-Modulation als dumme Steigerung vor dem letzten Refrain – alles, was eine saubere Nummer Eins braucht. Produzentenmusik eben. Und trotz Dion, der alten Schiffssirene, ist das Lied nicht mehr und nicht weniger als das gesamte Titanic-Franchise: Eigentlich unsinkbar, aber brühig und lustlos wie der Nordatlantik.

Kriterium № 2: Es gefällt nicht allen, aber vielen; und es funktioniert stil- und genreübergreifend, ohne Evergreen zu sein. Es muss Säuglinge genauso in Wallung bringen wie tote Omas. Es darf Hard Rock sein, muss aber auch verkopfte Jazz-Opfer ansprechen. Coca Cola erfüllt dieses Kriterium: An seiner kariösen Rezeptur gab es im Laufe seiner über hundertjährigen Geschichte so gut wie nichts zu rütteln. Und wer über ein halbes Jahr keine getrunken hat, will eine. Abstrakter Umkehrschluss: Dylans Lied ist sehr gut, aber nicht das beste.

Kriterium № 3: Das Lied schwebt über Stimmungslagen und Hörsituationen. Es ist das Lied, dessen Tönen man für alle Ewigkeiten lauschen wollen würde. Portisheads »Roads« etwa ist das beste traurigste Lied der irdischen Welt, aber wer außer Kafka und Cohen würde es schon gerne immer hören wollen? James Browns »I Feel Good« macht selbst traumatisierte Folteropfer schmunzeln, und bei Michael Jacksons »Billie Jean« hält es noch nicht mal Querschnittsgelähmte auf den Sitzen. Doch all diese Hörproben sind Varianten eines Genres – Musik, um zu heulen, tanzen, freuen, schlafen. Der beste Song passt hingegen immer.

 

HELLO, HELLO, HELLO, HOW LOW?

Und tatsächlich: Es gibt ein Lied, das alle drei Kriterien erfüllt. Es heißt »Smells Like Teen Spirit« der Seattler Band Nirvana. № 1: Der Titel kopiert nichts, er ist echt, ist einfach, nicht billig, ordentlich abgemischt, und doch wunderbar dreckig. № 2: Jedem, der Hirn und Herz hat, gefällt das Lied – auch wenn er den Interpreten nicht kennt und Grunge für ein amerikanisches Schwein hält: dem Nachbarn, der dicken Bäckersfrau, Prostituierten, Müttern; sogar Karl der Große soll es regelmäßig bei der königlichen Morgentoilette gehört haben. № 3: Niemand weiß, ob die Nummer trübselig gemeint ist, ob es ein Beschleunigungslied ist, ob es gute Laune oder Melancholie auslösen will – echte Transzendentalmusik eben. Kurt Cobains gnadenloses Refrainfragment (»A mulatto, an albino, a mosquito, my libido«) hätte außerdem in seiner philosophischen Kargheit sogar Schrotflintenbuddy Hemingway und seiner tiefen Sachlichkeit Konkurrenz machen können. Es ist, bis dato, das beste Lied der Welt.

Auf den Vorwurf des geneigten Lesers aber, die vorgestellten Kriterien seien willkürlich ausgewählt und Platon missverstanden, bleibt mit nicht weniger als dem kraftvollen Zitat des Sprechkünstlers und Goethe-Rezensenten Haftbefehl zu erwidern: »Finger’ eure Fotzen mit Kalaschnikows, ich zersplitter’ eure Fressen mit ’ner Gor-ba-tschow«. Musik und Ranglisten bleiben eben ein hartes Geschäft.

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1 Comment

  1. Martin says:

    Wenn Geschmack Geschmackssache ist, dann wäre die Musikindustrie nicht so groß. Hoffe das Rolling Stone Magazin hat mittlerweile jüngere Redakteure, sonst schaffen es modernere Künstler wie Guns n Roses nicht in die Liste. Habe gehört das Karl der Große „Welcome to the jungle“ im Bett gehört hat und deshalb so viele Nachkommen hatte..

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