Ein dreijähriges Mädchen stirbt einen grausamen Tod in der südafrikanischen Savanne. Ihr Schädel wird später in einem Steinbruch gefunden. Doch dann entwickelt sich ein wahnwitziger Streit aus ›Missing Links‹, chromsaurem Kalium und Kratzspuren. Professor Raymond Dart, der über vierzig Jahre lang um Wahrheit kämpft, behält am Ende trotzdem recht.


Im südafrikanischen Taung sucht ein hungriges Mädchen in der gelbbraunen Savanne nach Nüssen, Blättern und Wurzeln. Die Dreijährige ist knapp einen Meter groß, wiegt fünfunddreißig Kilogramm, und hat noch ein paar Milchzähne im Mund. In der Abendsonne runzelt sie ihre hohe, gewölbte Stirn. Manchmal, wenn das arme Kind nichts anderes findet, reißt es etwas Fleisch aus einem verwesenden Tierkadaver. In den letzten Jahren ist die Gegend immer trockener geworden.

Düster waren die Worte, die Charles Darwin im Juli 1858 an die Naturforscher der Linné-Gesellschaft richtete: »Alle Natur befindet sich im Krieg miteinander oder mit der äußeren Natur«. Und auch in der Ödnis um Taung gelten Darwins grauenhafte Gesetze. Als das erschöpfte Mädchen in die staubige Weite Südafrikas starrt, nähert sich ihrem Rücken ein dunkler Schatten. Augenblicke später rammt ein riesenhafter Greifvogel seine Krallen tief in die Augenhöhlen der Kleinen. Sie stirbt, während ihr blutüberströmter Körper hoch in die Lüfte getragen wird. Man sagt später, die Bestie habe wie ein gewaltiger Kronenadler ausgesehen.

1924 wird ihr kalkverkrusteter Schädel in einem Steinbruch nahe von Taung geborgen. Forscher untersuchen den grausigen Fund, und schließen alsbald auf den Zeitpunkt des Unfalls.

Seit das Mädchen in den Fängen des Raubvogels starb, sind über zwei Millionen Jahre vergangen.

 

PROFESSOR DART HAT EINE KÜHNE THESE

Die Archäologiestudentin Josephine Salmons entdeckt im Haus einer Freundin einen fossilen Pavianschädel, den Arbeiter aus dem Buxton-Steinbruch mitgebracht hatten. Als sie das Exponat dem Anatomie-Professor Raymond Dart zeigt, lässt er den Geologen Dr. Young zum Fundort reisen. Er soll dort nach weiteren fossilen Proben suchen – denn wo versteinerte Affenschädel ausgestorbener Arten auftauchen, sind andere Knochenreste nicht weit. Young schickt Professor Dart im November 1924 einige Kisten mit Sedimentgesteinen, auf denen er Spuren uralter Fossilien gesichtet hat.

Einen Tag vor Heiligabend desselben Jahres gelingt es Dart in mühsamer Arbeit, aus einer der gesammelten Steinproben Youngs einen vollständig erhaltenen Unterkiefer mitsamt fast unversehrtem Gesichtsschädel zu präparieren. Er hat die Überreste eines kleinen Mädchenkopfes freigelegt. Der Professor ist einer archäologischen Sensation auf der Spur, und veröffentlicht seine Ergebnisse schon im Februar des nächsten Jahres in der renommierten Zeitschrift Nature. Dart behauptet, das ›Missing Link‹ entdeckt zu haben, nach dem Kollegen schon seit seiner Postulierung 1851 suchen. Dabei geht es um ein Fossil, das den Übergang vom Menschenaffen zum Menschen beweist – also Merkmale beider Gattungen trägt.

 

WOODWARD HAT EINEN ANDEREN ALTEN SCHÄDEL

Doch die Publikation seiner atemberaubenden These stößt zunächst auf Ablehnung. Die meisten Wissenschaftler sind sich einig, dass der Schädel einem Affen gehören muss. Einer der führenden Paläontologen seiner Zeit, der Brite Arthur Smith Woodward, ist die lauteste Stimme unter den Kritikern. Er behauptet, das Gehirn des modernen Menschen sei derart komplex, dass seine Entwicklung mindestens dreißig Millionen Jahre gedauert haben müsse. Und deshalb sei Darts Kinderschädel mit einem Gehirnvolumen von rund 380 Kubikzentimetern einfach zu klein.

Seine These stützt Woodward vor allem auf die Überreste des 1912 in Südengland gefundenen ›Piltdown-Menschen‹, dessen Alter auf eine halbe Million Jahre geschätzt wird. Während der Unterkiefer des Fundstücks dem eines Menschenaffen gleicht, hat der Schädel selbst schon eine dem Menschenkopf ähnliche Größe. Dass sich das ›Kind von Taung‹ – dem Dart den Gattungsbegriff Australopithecus angedeiht – als Beweisstück in der langen Stammesgeschichte des Menschen einordnen soll, halten Woodward und seine Kollegen deshalb für lächerlich.

Jahrzehntelang kämpft der Professor gegen Vorwürfe und Verleumdungen, doch es gelingt ihm nicht, seinen Kinderschädel als Zeugnis eines wahren Vormenschen zu rehabilitieren – weder in archäologischen Lehrbüchern, noch in britischen Zeitungen, die ihre Insel wegen des Fundortes in der Nähe von Uckfield als Wiege der Menschheit abfeiern. Woodward und sein Piltdown-Mensch bleiben über vierzig Jahre der anerkannte Beweis dafür, dass Darwin falsch lag: Die Menschwerdung habe sich nicht in Afrika vollzogen, sondern in Europa.

 

DIE GRÖSSTE ARCHÄOLOGISCHE VERARSCHUNG ALLER ZEITEN

Doch im November 1953 lässt der Anatom und Paläoanthropologe Wilfried Le Gros Clark mit einigen Kollegen eine Bombe platzen. Sie nutzen eine neuartige Methode zur Altersbestimmung, und messen den Fluoridgehalt in den Überresten des Piltdown-Menschen. Das Ergebnis sorgt für ungeheuerlichen Radau: Schädel und Kiefer des Exemplars sind nur einige hundert Jahre alt.

Die Forscher haben eine der größten Fälschungen in der Geschichte der Archäologie entlarvt: Der Schädel gehörte einem mittelalterlichen Mann, der Unterkiefer einem Orang-Utan aus Borneo. Irgendjemand hatte beide Knochenstücke mit Eisenlösung und chromsaurem Kalium eingefärbt und die Gelenke des Kiefers abgeschlagen – die hätten nämlich nicht zum Schädelteil gepasst. Den versteinerten Oberschenkel eines Elefantenknochens hatte der windige Schwindler in der Nähe vergraben, um den Forschern obendrein das Rätsel eines unbekannten, urzeitlichen Werkzeugs aufzugeben.

Wer Urheber des Betrugs war, ist bis heute ungeklärt. Woodward wurde ebenso verdächtigt wie der Entdecker des Piltdown-Menschen, ein Laienarchäologe aus Preston. Zum Kreis der möglichen Täter zählte außerdem ein 1961 verstorbener Museumsangestellter, in dessen Koffer man einige seltsam eingefärbte und abgefeilte Knochenstücke fand. Viel schlimmer als der unauffindbare Betrüger wog allerdings die Schmach der britischen Archäologiegemeinde: Der Urmensch war doch kein Inselaffe. What a shame!

 

AFFENKNOCHEN IN ADLERHORSTEN

Professor Dart hatte all die Jahre recht. Den Schädel seines Taung-Kindes verwahrt noch immer die Universität von Witwatersrand in Johannesburg. Für viele Archäologen gilt er als wichtigster anthropologischer Fossilfund des 20. Jahrhunderts – denn dass das Mädchen Teil der menschlichen Ahnentafel ist, bezweifelt heute niemand mehr.

Ihren schrecklichen Tod belegen 2006 einige Forscher, die die Nester von sechszehn Kronenadlern untersuchen und dabei über sechshundert Affenknochen finden. Auf einigen findet man Kratzer, die mit den Spuren und Einkerbungen in den Augenhöhlen des kindlichen Schädels übereinstimmen.

Vom armen Kind aus Taung bleibt mehr als ein versteinertes Fossil. Denn voller Blut und Knochensplitter erzählt sich seitdem die grausame Geschichte unserer urzeitlichen Vorfahren.

Das ›Missing Link‹ allerdings ist bis heute unentdeckt.

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