Das Internet hat Darstellung und Konsum von Pornographie revolutioniert. Für die Porno-Industrie allerdings hat das schwerwiegende Konsequenzen, die sie selbst zu verantworten hat: Statt abendfüllender Formate wird der Markt überschwemmt mit kurzen Sex-Clips. Damit hat sich die Branche einen Zuschauertypus geschaffen, den sie nicht mehr bedienen kann.


Die überraschte, kaum volljährige Schwester des dramaturgisch feinfühlig mit wenig Text bedachten Bruders traut ihren Augen nicht: Wollte sie doch gerade eine vom Mittagstisch heruntergefallene Gurke aufheben, nutzt ihr Geschwisterjunge die ihrer Körperhaltung geschuldeten Hilflosigkeit aufs Schamloseste aus, und vergisst sich im Akt der inzestösen Penetration. Dem Himmel sei Dank steht kurze Zeit später die aufgebrachte Mutter der beiden in der Tür – bereit zu Worten der Maßregelung und sittlichen Mahnung. Doch statt des zu erwartenden Ärgers kann sich der Junge erklären: Er habe seine Schwester ja nur im engsten Familienkreis mit den Varietäten des Sexualverkehrs vertraut machen wollen. Und da muss nun auch die vollbusige Mama Verständnis ob des uneigennützigen Verhaltens ihres Zöglings zeigen, und die widerwärtige Lehreinheit geht deshalb zu dritt weiter. Ach, du dickes Ei. Der österreichische Lyriker Johann Nepumuk Vogl sagte dazu bereits im vorletzten Jahrhundert: »Wer um die Tochter Lust zu bitten, der seh’ erst auf der Mutter Sitten«. Stimmt manchmal.

Was realiter einen Skandal ohnegleichen auslösen und den Spiegel zu mehrauflagigen Titelserien à la ›Der Inzestfall von Bottrop‹ hinreißen lassen würde, ist als fantasievoller Porno-Clip der Kategorien Sister, Brother and Sister, Familiy Therapy Creampie und Family Threeway bei aktiviertem Ad-Blocker in wenigen Mausklicks als filmisches Dokument aufrufbar. Noch besser: Bei der Ausweitung des Suchbegriffs auf die Schlagworte Homemade oder Naughty Housewife lassen sich weitaus interessante Konstellationen beim Coitus beobachten.

 

VOM GOLDEN AGE OF PORN ZUM DIGITALEN SEX-CLIP

Pornographie ist ein Milliardengeschäft. 30% des globalen Web-Datenverkehrs sind Porno-Bytes. Pornhub, der Walmart unter den Sex-Clip-Hostern, hat außerdem ausgerechnet: Im weltweiten Durchschnitt dauert jeder Besuch eines Users rund siebeneinhalb Minuten. Der Porno-Industrie müsste es eigentlich ganz gut gehen – doch die Umsätze sind rückläufig. Woran liegt das?

Andy Warhol war es, der 1969 mit seinem Streifen »Blue Movie« den ersten Erwachsenenfilm auf amerikanische Leinwände brachte und damit die Ära des ›Golden Age of Porn‹ einläutete. Rund fünfzehn Jahre lang wurden Sex-Filme ausschließlich für Kinos gedreht, bis Anfang der 80er Jahre der Heimvideo-Markt zur neuen Ertragsperle der Industrie wurde. Allmählich endeten damit die wirkungsvollen 35mm-Inszenierungen, und die aufwendigen Produktionen wichen billigeren VHS-Formaten. Vergangene Zeiten trotz allem, in denen Papa seine geheimsten Perversionen noch auf unzählige Videokassetten der Reihe ›Deutschland, deine Bergwelt‹ überspielen konnte.

Und dann: Das Internet. Mit einem Mal konnte jeder, der im Besitz eines passenden Modems war und regelmäßig seine Telekom-Rechnungen bezahlte, die Tür zur Hölle aufstoßen: Millionen Sex-Clips, tausende Suchkategorien, alles kostenlos.

 

DIE ROLLE DES KONSUMENTEN

Es ist nicht nur der Zuschauer, der entscheidet, was gut und was schlecht ist. Filme erschaffen ihr Publikum: Sie vermitteln nicht nur angesagte Codes, sondern standardisieren, welche Rolle der Betrachter einnimmt. Dino-Irre nach Jurassic Park, Pazifisten nach The Day After Tomorrow, Klassenkämpfer nach Metropolis. Der Konsument des Films wird vom Film selbst gemacht.

In welcher Beziehung steht und stand der Porno-Film also mit seinen Zuschauern? Zu Zeiten des Kalten Krieges musste jeder Interessierte Mantel und Schuhe anziehen, Bargeld für eine Kinokarte abzählen, Schnauzer und Trilby tragen und mit der Straßenbahn zum Vorführungsort fahren. Bevor er oder sie also in den Genuss pornografischer Bewegtbilder kam, vergingen locker vierzig Minuten, und Geld und gute Ausrede musste der Bittsteller ebenso versichern wie ein schlichtes Maß an sozialer Anonymität – also erst ins Schaufenster für Hundezubehör starren, bevor es unauffällig in die rote Videokabine nebenan geht. Und das filmische Material an sich war auch nichts für kurz Angebundene. Bevor es zur Sache ging, musste der gemeine Zuschauer langwierige, hochkünstliche Spannungsbögen ertragen, obwohl der Sitznachbar in Reihe 12 schon beim Schmatzen war.

 

DER UNTERGANG DES PORNOS

Und heute? Laptop an, Suchbegriff eingeben, die gewünschte Anzahl an Schmuddelvideos in unterschiedlichen Tabs laden, Türe zu. Hose runter, Simsalabim, fertig. Siebeneinhalb Minuten eben. Der einstmals bemühte, geduldsame Konsument ist es heutzutage gewohnt, auf Mausklick alles sehen zu können, was er will. Der entscheidende Unterschied zu früher ist: Es fehlt die Distanz zum Ereignis ›Pornographie konsumieren‹. Jeder kann heute im Stillen, versteckt, ohne Geld zu bezahlen, genau das begaffen, wonach ihm dünkt.

Die fehlende Distanz zwischen Betrachter und filmischem Werk wird der Porno-Industrie nun allerdings zum Verhängnis. Während der frühere Konsument noch bereit war, zu opfern um zu sehen, fühlt sich sein zeitgenössisches Pendant bei derselben Übung frei und gelangweilt. Alles ist da, und alles ist gleich. So hat ihn die Sexfilm-Branche geformt – ohne sich der Folgen bewusst zu sein.

Nicht nur Hollywood, sondern die gesamte Musikbranche stand Anfang des Millenniums vor einem ähnlichen Dilemma: Das Internet sorgte für freie Zugänglichkeit all jener Medien, die zuvor für volle Kassen sorgten. Doch während sich die Industrieriesen durch Erschließung neuer Formate, Genres und Verkaufskanäle allmählich rehabilitieren konnten, tut sich das Porno-Ressort schwer. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Wer den Blockbuster oder das angesagte Chart-Album seiner Wahl konsumieren will, interessiert sich für das Produkt selbst. Nicht so der eilige Konsument, der seine Satisfaktion in siebeneinhalb Minuten Sex-Clip-Betankung findet. Das Produkt der Porno-Industrie ist beliebig geworden: Die Filmchen sind ohne Wiedererkennungswert, austauschbar, willkürlich. Spielfilm und Musikstück haben es dagegen schon besser hinbekommen, ihr Publikum nicht zu reinen Runterschluck-Maschinen zu machen.

 

WICKED GAMES – EGAL WELCHE, HAUPTSACHE SCHNELL!

Indem aus abendfüllenden, kostspieligen Sexfilmen im Laufe der Zeit zehnminütige Clips wurden, hat sich die Rolle des Zuschauers grundlegend verändert. Es geht nur noch um komprimierte, sich wiederholende Sequenzen sexueller Darstellungen – und das Publikum erwartet auch nichts mehr anderes. Die merkwürdige, reduktionistische Inszenierungskultur ist allmählich zum eigentlichen Fallstrick der Branche geworden: Denn Regisseure, die sich verzweifelt gegen diesen Trend zu stellen versuchen, bleiben Opfer der Fast Forward-Taste. Selbst schuld.

Die Porno-Industrie gehört noch immer zu den Dinosauriern im World Wide Web. Sie hat sich allerdings selbst zu einem stumpfen, konvertiblen Produkt gemacht. Ihr trauriges Schicksal teilt sie übrigens mit den Kollegen aus der Zucker-Industrie. Vor fünfhundert Jahren war die orgastische Gaumenfreude nicht nur einer Handvoll reicher Bürger vorbehalten, sondern fand sich als Beigabe in nur wenigen, ausgesuchten Erzeugnissen. Und heute: Marktüberflutung. Zuckerwürfel oder Kandis? Eigentlich scheißegal.

Zucker und Pornos bedienen den gleichen Konsumententyp – nicht nur, weil sie ähnliche körperliche Effekte auslösen. Wer dringend Zuckersüßes braucht, verhält sich vergleichbar indifferent wie ein Fünfzehnjähriger auf Youporn. Zum Abschluss daher ein kleiner Tipp von Onkel Freud, um in doppelten Genuss zu kommen: Einfach beim nächsten Schäferstündchen mit sich selbst nach den Kategorien Sweet, Honey oder Cream suchen.

Ähnliches: Honigessen ist gesund, zu viel macht speien.

Meistgelesen: Wer dem Haufen folgt, hat viele Gesellen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.