Der Münchner Stadtrat hat im Sanierungswahn beschlossen, den wohl bekanntesten Tunnel der Innenstadt zu erneuern. Dabei zerstört er nicht nur ein Jahrzehnte altes Bauwerk, sondern überpinselt zugleich das letzte Überbleibsel urbaner Authentizität unserer Innenstadt.


Cindy Crawford wollte als Jugendliche ihren Leberfleck wegoperieren lassen, und der schiefe Turm von Pisa sollte schon im Mittelalter wieder aufgerichtet werden. Vom Makel zum Markenzeichen – die Liste von berühmten Hässlichkeiten in schönem Gewand ist lang. Das Prinzip ist wie immer ein einfaches: Verunstaltungen und Macken für sich genommen mögen scheußlich und verabscheuenswürdig wirken – als Teil eines anmutigen Gesamtpakets hingegen eher charmant. Es kommt eben auf das Außenrum an. Das schlimme Wörtchen ›Traufe‹ wird zum Beispiel durch den einfachen Nachschub ›ier‹ zum semantischen Regenbogen.

Im November letzten Jahres hat der Münchner Stadtrat beschlossen, dem Antrag Nr. 14-20/A 02570 zu folgen. Nun ist es offiziell: Das Baureferat soll die 1908 gebaute Paul-Heyse-Unterführung sanieren – denn nach jahrelangem Streit mit der Deutschen Bahn als Eigentümerin des Bauwerks konnte kürzlich eine Einigung erzielt werden. Die Bahn zahlt ein bisschen mit (»im Rahmen des ingenieurmäßig Notwendigen«), die bayerische Landeshauptstadt kommt für den großen Rest auf. Neue Metallpaneelen statt nikotingelben Fliesen, hellere Beleuchtung statt vergilbten Neonröhren, Lärmabsorption statt Taubenscheiße.

Der hässliche Tunnel unter dem Westteil des Hauptbahnhofs ist nicht nur dem Stadtrat schon lange ein Dorn im Auge. Sogar die TZ glaubt gehört zu haben, die Unterführung sei »schon als Röhre des Grauens und Ekeltunnel bezeichnet worden«. Und deshalb sind der Cinderella unter den deutschen Großstädten die Nebenwirkungen der bauchirurgischen Eingriffe auch egal: 6,3 Millionen Euro Baukosten, knapp 100.000 Euro jährliche Wartungs- und Unterhaltskosten, 20 Wochen Baustelle.

 

WEISSWURST SIEHT AUCH NICHT SCHÖN AUS, UND TROTZDEM STECKT SIE JEDER IN DEN MUND

Die Baumaßnahmen sind rein ästhetisch begründet. Die Bahn erklärte die Unterführung für absolut betriebssicher. Deshalb lohnt sich die Frage, warum sich der Stadtrat zu einer solch kostspieligen Ausbesserung hat hinreißen lassen. Alles nur, um einen vermeintlichen Schandfleck zu beseitigen? Oder weil die baustellengeilen Stadtherren nun vollkommen der Sucht nach immer neuen Stadterneuerungsprojekten verfallen sind?

 

 

Es scheint, als haben das Isar-Athen und seine Bürger vergessen, wo sie sind. Eine Großstadt, in der es trotz – oder gerade wegen – ihrer pomadigen Fassade keine Schmutzflecken mehr gibt, wirkt unsympathisch und aufgesetzt. Die Innenstadt darf nicht zu einem geschleckten Historismusmuseum degenerieren. Ganz im Gegenteil, die Chefästheten der Stadt München dürfen sich trauen, manche Stellen versifft und runtergekommen zur Schau zu tragen. Und was böte sich da besser an, als eine alte, verkommene Unterführung, die als Kulisse im nächsten David-Fincher-Streifen bestens aufgehoben wäre? Und wer Angst hat, durchzulaufen, überquert einfach ein paar Schritte weiter die ungefährlichere Hackerbrücke – da ist sogar Zone 30.

 

WARUM NICHT EINFACH SO LASSEN?

CSU-Stadtrat Richard Quaas, bekannt für seine gedanklichen Abkürzungen, rechtfertigt die Baumaßnahmen in dem Tunnel gewohnt ungelenk: »Helle Verkleidungen und neue LED-Beleuchtung werten diesen Raum auf. Die blaue Effektbeleuchtung an den alten Stahlträgern schafft ein ganz neues Raumgefühl.« Ach, du Scheiße. Dann doch lieber einen zweiten Mittleren Ring ums Rathaus.

Wer 210 Meter durch einen Tunnel laufen muss, während Autos unaufhörlich auf vier Spuren vorbeidonnern, dessen Gleichgültigkeit gegenüber blauer Effektbeleuchtung muss enorm sein. Dem Christsozialen Quaas hingegen täten ein paar LED-Lichtlein zwischen den Ohren gut, um das erhellende Gegenargument für derartiges Spießbürgertum kapieren zu können: Eine Stadt lebt von kleinen Absonderlichkeiten, von schnurrigen Ecken und unansehnlichen Flecken. Also Hände weg von einem über hundert Jahre alten Tunnel, der als urbane Hommage an schwarzen Ruß und Vogelkacke nicht besser hätte getroffen werden können. Henri Matisse wusste dazu: »Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will.«

Die Hoffnung auf ein Abblasen des Bauvorhabens scheint allerdings vergebens. Denn als Vordenker zeitgenössischer Sanierungskonzepte hat Architekturkenner Quaas schon jetzt die kunsttheoretische Schlitterrichtung für alle weiteren Umbauprojekte der Stadt verkündet: »Wenn saniert wird, dann gescheit.« Und damit kennt sich München ja aus.

Wem der Teufel einheizt, der friert nicht.

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1 Comment

  1. Siggi says:

    Wer die Traufeier als Regenbogen empfindet, war nie 40 Jahre verheiratet!!!

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