Angela Merkel hat ihren allmählichen Rückzug aus der Politik bekannt gegeben. Für die AfD ist das ein Sieg, für Seehofer Irritation, und für den Rest des Landes eine Zäsur. Mit der Bundeskanzlerin gehen aber nicht nur politischen Positionen, sondern auch der typische Stil – und den werden wir bald vermissen. Denn jetzt heißt es: Aufhetzen und rumschreien statt demokratischer Willensbildung. Schaffen wir das?


Wenn Volker Bouffier »schmerzliche Verluste« erklären muss, erinnert er an einen rauchenden VW Variant Typ 3, bei dem jemand die Warnblinkanlage angelassen hat. Er und seine CDU haben bei der Landtagswahl in Hessen über elf Prozentpunkte verloren. Doch schuld daran ist nicht nur die schwarz-grüne Regierung, die das Bundesland durch die letzten vier Jahre Riesling-Schwips und Ebbelwei-Express manövrierte. Denn wer in Wahlkreisen wie ›Rheingau-Taunus‹ und ›Wetterau II‹ sein Kreuzchen macht, entscheidet auch immer zur Bundespolitik. Und die steht nicht erst seit dem WM-Vorrundenaus unter schlechtem Stern.

Zusammen mit seiner Chefin Angela Merkel muss er sich deshalb am 29. Oktober 2018 auf einer Presskonferenz erklären. Und noch bevor Bouffier seine Roth-Händle fertigkauen und Cognac (V. O.) nachgießen kann, lässt die Bundeskanzlerin die Bombe platzen: Es ist Schluss! Sie bietet das Amt des CDU-Parteivorsitzenden an, und sie schließt eine erneute Kanzlerkandidatur aus.

 

ENDLICH WIEDER SKANDAL-POLITIK!

Es läuft schlecht in der letzten Zeit. Der Großen Koalition misslingt »die Rückkehr zur Sacharbeit«, weil man auf das AfD-Geschrei keine sachliche Antwort findet. Und ohne klare Linie kriegt es das Kabinett um Merkel nicht hin, die alltäglichen Regierungsgeschäfte in Ruhe und ohne Aufregung zu führen. Alles wird – ganz im Sinne der AfD-Strategen – zum Skandal: Diesel-Abgase, BAMF, Maaßen, und das enttäuschende 0:2 gegen OECD-Mitglied Südkorea.

Früher ist es Merkel besser gelungen, die ständig wiederkehren politischen Affären einzelnen ›Verantwortlichen‹ in die Schuhe zu schieben, sodass die Regierung als Ganzes fast keinen Schaden nahm. Doch seit sich Lindner gegen Koalition und Seehofer für Opposition entschieden haben, funktioniert das Prinzip der geschlossenen ›Regierung Merkel‹ nicht mehr – so etwa, als träte die Nationalmannschaft bei einem großen Turnier (zum Beispiel der WM 2018) nicht als Team auf. Bedauerlicherweise ist es genau dieses beängstigende Bild einer zerrütteten, handlungsunfähigen Regierung, dass die AfD verkaufen will. Denn obwohl manch bös kolportierter Geschichtsverrückung aufsitzend, wissen diese Parteigenossen sehr genau, woran die arme Weimarer Republik scheiterte.

 

PERSÖNLICHKEIT ODER AMTSFÜHRUNG?

Mit dem Rücktritt Merkels verschwindet auch ihr jahrelang kultivierter Politik-Stil. Während der letzten dreizehn Jahren Kanzlerschaft gab es keinen Moment, in dem wir anderes als ihre politisch-rationale Person sahen: Keine Angie ganz privat, Briefmarkensammlerin aus der Uckermark, oder Angela, die schreiende Wildsau, oder gar ›A. M.‹, die Berlusconi einen heimlichen Bodycheck reindrückt, sodass er beim Absturz vom Podium den Russen Putin mitreißt. Merkel will wenig mit ihrer Persönlichkeit verbunden wissen, sondern mehr mit ihrer Amtsführung. Ihr Stil ist das, was das öffentliche Auge zu sehen bekommt: Keine impulsiven Entscheidungen, wenig Aktionismus, oft langwierige Abwägungen.

Doch angesichts der vielen Vollidioten, die sich in den letzten Jahren in Regierungsämter verirrten und seitdem schnelle Auswege aus drohenden Apokalypsen wegweisen, erscheint Merkels langweiliger Stil tatsächlich als bewusste Polit-Message: Alle mal kurz die Schnauze halten, runterkommen, palavern. Nicht, dass diese Methode zwangsläufig zu guter Politik führt – zumindest aber haben Populismus und Skandalisierung dabei selten Platz.

 

MERKEL UNTER IRREN

Trumps kognitiver Entscheidungsprozess nimmt 0,2 Sekunden in Anspruch, bevor die ersten Synapsen verknoten. Das Ergebnis dieser intellektuellen Achterbahnfahrt kann er dann augenblicklich als Twitter-Nachricht oder Kurzinterview verpuffen lassen. Trumps Stil zeigt der Öffentlichkeit daher: Alle Probleme sind groß und skandalös, aber vollkommen klar, und deshalb schnell und einfach lösbar. Angelas Stil dagegen: Alle Probleme sind mittelgroß, aber viele Faktoren halt, und deshalb erstmal abwarten und analysieren. Trump will hohe Mauern und profitable Deals, Merkel will Kompromisse. Die beiden sind deshalb ähnlich unterschiedlich wie Koks-Nase Maradona und Nasenpopler Löw.

Es ist das, was wir in den nächsten Jahren vermissen werden: Eine gesunde Mischung aus demokratischem Konsens-Prinzip und langfristiger Machtpolitik – die beste Waffe gegen populistischen Schluckauf und rechte Problem-Solving-Rhetorik. Nun hat der Wähler aber anders entschieden. Das Volk hat für den AfD-Stil gestimmt. Manege frei also für Boulevard und Stammtisch!

All das ist insofern beängstigend, als Europa immer weiter in rechte Schieflage gerät: Wilders, Orbán, Le Pen, Salvini – sie alle vereint der Hass auf die Mitte, auf Kompromisse und politische Korrektheit.

Merkels Art, mit solchen Kollegen umzugehen, hat sich irgendwie bewährt. Ihr Stil verspricht Stabilität. Und die ist bei der Menge an Großmäulern auf internationalen Banketten dringend notwendig geworden: »Während der 13 Jahre im Amt«, bekennt die New York Times etwas wehleidig, »war sie Europas mächtigstes Oberhaupt, sodass ihre bloße Anwesenheit zu einem Synonym für Stabilität wurde.« Dass das nicht nur an ihrem Amt lag, ist eine Binse.

 

ZUR DEUTSCHEN ERBFRAGE

Wer wird Nachfolger? Jogi Löw hat sich zunächst Bedenkzeit erbeten, bevor er seine Entscheidung fällt. Gesundheitsminister Jens Spahn hat seine Brille schonmal in ein noch schnittigeres Vollrandmodell eingetauscht; Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich eilig das Akronym AKK und – falls die schnell angepisste Anstalt für Kabelkommunikation klagen sollte – die einprägsameren Namen ›Anna-Gretl Krumpfe-Krattenkarren‹ und ›Anja-Gudrun Krampf-Kraterkauer‹ eintragen lassen. Und Friedrich Merz, der Fahnenflüchtige? Probatum est! Die Bierdeckel sind bestellt.

Ansonsten ist der Markt möglicher Kandidaten ausgedünnt: Helmut Schmidt ist ja leider vor kurzem beim Stoßlüften erstickt und Stoiber mit zu viel Gartenarbeit beschäftigt – bezeichnend für die schwierige CDU-Erbfolge. Den Konservativen wünscht man, dass vom Vermächtnis Merkels eines bleibt: Nicht unbedingt die Inhalte, aber der unaufgeregte Stil, politisches Geschäft abzuwickeln – ohne Gebrüll, und ohne aufzuhetzen. Wem das in den letzten Jahren zu langweilig war (»Angie ist ja immer so passiv«), der frage doch mal den Großvater nach dem Gegenkonzept.

Man mag dem politischen Programm Merkels nicht zustimmen. Die Art und Weise aber, Politik zu machen, taugt als Vorbild.

Es bleibt allein die Frage: Wäre das alles nicht passiert, hätte Löw den flinken Sané mitgenommen?

Ähnliches: Honigessen ist gesund, zu viel macht speien.

Meistgelesen: Wer dem Haufen folgt, hat viele Gesellen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.