Gündoğan und Özil haben ein Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan gemacht. Özil und Boateng singen die Nationalhymne nicht mit. Und obwohl die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland schon im Gange ist, müssen sich einige Deutsche noch immer über das politische Benehmen von Spielern mit Migrationshintergrund auslassen. Damit muss jetzt Schluss sein – denn fußballerische Ambition und politisches Engagement sind zwei Paar Stollenschuhe.


Für Patrioten und politische Schiefdenker ist die Fußball-Weltmeisterschaft alle vier Jahre eine Herausforderung. Denn in Turnierzeiten fällt es besonders schwer, mal einfach die Politfresse zu halten und eine Sportveranstaltung das sein zu lassen, was sie ist: Ein Wettkampf unter den besten Athleten der Welt. Weil das allerdings schon Hitler, Mussolini und Stalin nicht vermochten, dürfen wir vom nationaldeutschen Prekariat nicht zu viel verlangen. In ermüdendem olympischen Turnus werden den Fußballbegeisterten unseres Landes also die Ohren vollgeheult, wenn es um das Benehmen derjenigen Mannschaftsteile geht, die zwar die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, aber irgendwie doch Ausländer bleiben – weil sie türkische Eltern haben oder die Hautfarbe dunkler ist.

 

WERTE-ABSEITS?

Mesut Özil und İlkay Gündoğan haben sich mit dem türkischen Kalifen Erdoğan abblitzen lassen. Ersterer singt außerdem die deutsche Nationalhymne nicht mit, bei der Jérôme Boateng immer nur geistesabwesend auf seinen Lippen rumkaut. Das ist für viele der bratwurstfressenden Deutschland-Fans zu viel. Denn, so die Argumentation unter Schwarz-Rot-Gold im heimischen Schrebergarten, die Nationalmannschaft repräsentiere ja unser stolzes Birkenstock-Tennissocken-Land nach außen. Und seit dem salonfähigen Rechtsruck der letzten Jahre steigt die Anzahl derer, die nicken: Wenn Özil nicht mitsingen will, kann er ja gerne für die Türkei spielen. Und wer dem Döner-Diktator die Hand schüttelt, muss zu Hause bleiben.

Unter deutschen Bierbäuchen müssen also diese beiden Anklagepunkte möglichst schnell geklärt werden – nicht auszudenken, würde Özil ein entscheidendes Tor im Halbfinale machen, ohne diese drängenden Fragen im Wirtshaus ausdiskutiert zu haben. Man könnte sich ja vor lauter nationalem Identitätswirrwarr kaum mehr freuen.

 

EINIGKEIT UND RECHT UND SAUERKRAUT

Hätte Özil während der Nationalhymne seinem Einlaufkind einen Eimer Ayran über den blonden Kopf geschüttet, er müsste sich ohne Frage den Vorwurf der Despektierlichkeit gefallen lassen. Doch für manche reicht eben schon der Tatbestand, Hoffmann von Fallerslebens Abgesang auf die Deutschen nicht mitgeträllert zu haben. Kartoffelfresse Stefan Effenberg, in den Neunzigern beruflich selbst im Mittelfeld der Nationalelf tätig, rügt Özil deshalb im TV-Unfall Doppelpass: »Wenn er so zu seinem Land, Deutschland, steht, dann muss er auch die Hymne mitsingen«. Der Käsebrotjunge Oliver Pocher bemerkt voll unterhaltsamer Dummheit in derselben Sendung: »Ich glaube, wenn die Türkei erfolgreicher wäre, dann hätten die auch tendenziell eher für die Türkei gespielt als für Deutschland.« Humba, humba, humba, tätäräh!

Geschenkt, dass ein erfolgreicherer Pocher wohl selbst in einem anderen, besseren TV-Format spielte, als im Doppelpass sein Geld zu erlabern. Doch Pocher hat recht: Wäre die Türkei Weltmeister, Özil würde vielleicht die türkische Staatsbürgerschaft annehmen – nur um in der erfolgreicheren Mannschaft spielen zu können. Und was nun Pochers heile Fußballwelt vollends zerstört: Dieser Spieleregoismus hat nicht nur die Nationalmannschaft versaut, sondern sich bis zur Kreisklasse durchgefressen. Schlimm! Denn leider ist es dem Stürmer der eigenen Lieblingsmannschaft oftmals scheißegal, verlässt er den Verein für einen anderen.  Zurück bleibt ja immer nur der kleine Mann von der Straße, der seit seiner Jugend brav die Jahreskarte zahlt – nur um dann als erschütterter, infantiler BVB-Pöhler mit zerrissenem Fan-Herzen konstatieren zu müssen: »Möller, du Flachwichser! Zu Schalke?«

Erschreckend, diese Erkenntnis: Fußballspielern geht es um ihre sportliche Karriere – im besten Team zu spielen, die meisten Tore zu machen, in der höchsten Liga zu spielen. Diese Einsicht tut flachgeistigen Fußballromantikern weh: Zu erkennen, dass sich die meisten Profis nicht so sehr um Vereinswimpel und Landesfarben zu kümmern scheinen, sondern nur um den sportlichen Erfolg. Noch verletzender ist dann, dass auch Bundestrainer Löw seine Spieler so gar nicht nach nationaldeutschen, sondern vielmehr fußballerischen Aspekten auswählt (»Der isch irgendwie scho’ au’ Weltklasse«). Immer weniger Nationalspieler haben blondes Haar und blaue Augen – immer mehr dagegen Türkennamen und Araberbärtchen!

Für alle Effenbergs und Pochers vor den Bildröhren bleibt also festzustellen: Ihr habt recht! Vielleicht singen diese Spieler die Hymne nicht mit, weil es ihnen eher um den Pokal als um das Land geht. Für alle anderen allerdings, die an gutem, erfolgreichen Fußball interessiert sind und die Deutschland-Flagge nur alle vier Jahre aus dem Keller holen: Es sieht so aus, als wären tatsächlich die Besten – und nicht die Deutschesten – im Team. Der eine vielleicht etwas lokalpatriotischer (Müller, du Bayernsau), der andere vielleicht toreroesker (Gómez, du Stiertöter), aber alle vereint in einem Rainbow-Traum: Mit der Nationalmannschaft das Finale zu erreichen. Da muss dann auch nicht jeder die Hymne mitgrölen.

Zum Versuch der Streitbeilegung: Vielleicht würde es ja die halbrechten Fußballidioten besänftigen, machte Özil als Ausgleich für die knapp hundert nicht mitgesungenen Nationalhymnen einfach nach dem nächsten Torerfolg einen schwungvollen Hitlergruß in die ZDF-Kameras. Dann wären er und das deutsche Volk ja wieder quitt. Nur so ein Gedanke.

 

DIE CAUSA ERDOĞAN

Vier Wochen vor WM-Beginn treten Özil und Gündoğan den obligatorischen Vorfreudenskandal los. Das Foto, auf dem die beiden mit Erdoğan grinsen wie bei einem unangenehmen Großfamilien-Shooting (»Und jetzt alle: Spaghetti!«), zündet in den sozialen Medien. Diesmalige Anklage, leicht zugespitzt: Özil und Gündoğan wollen eine Diktatur in der Türkei errichten und die Deutschtürken im eigenen Lande zur Spaltung aufrufen. Beide entschuldigen sich später, indem sie ein Foto mit der deutschen Präsidentenkrähe Steinmeier nachliefern. Das allerdings ist in ungefähr so, als würde man sich nach einem Seitensprung-Schnappschuss durch ein romantisches Liebesfoto mit der betrogenen Ehefrau rehabilitieren wollen. Herrje, Steinmeier, du kleine Nutte – beziehungsweise, du verzeihendes Staatsweib.

Dass die beiden dem türkischen Präsidenten billige Wahlkampfhilfe leisteten, scheint den Fußballern wohl offensichtlich nicht ganz klar gewesen zu sein. Nach Aussage Gündoğans ging es darum, nicht dem Präsidenten in persona, sondern dem Amt des Präsidenten eine Ehre zu erweisen. Naja. Mittelgute Ausrede.

Wer allerdings den Rückzieher der beiden Deutschtürken und die Nervosität in den Spielen nach dem Eklat (etwa Gündoğans ›Bloß-keinen-Fehler-machen‹-Auftritt gegen Schweden) beobachtet, muss feststellen: So können die beiden das nicht geplant haben. Denn wie die meisten Fußballer wollen Özil und sein Landsmann sportlichen Erfolg – und nicht politischen Einfluss. Das entschuldigt nicht, aber es erklärt.

Also muss Deutschland fragen: Wollen wir die beiden als Mittelfeldspieler im Nationaldress sehen oder in einer politischen Funktion? Beides scheint ja nicht besonders gut zu klappen. Wer also Özil und Gündoğan vorwirft, sich mit dem Erdoğan-Foto einen unüberlegten Griff ins politische Klo geleistet zu haben, hat recht. Wer allerdings damit meint, jeder Fußballer mit Hauptschulabschluss, Migrationshintergrund und Millionengehalt müsse die feine Sprache der politischen Diplomatie beherrschen, liegt falsch.

Natürlich gibt es eine Grenze dessen, was Fußballer dürfen und was nicht. Sich allerdings mit einem fast demokratisch gewählten Präsidenten zu treffen, der das Land der Großeltern repräsentiert, überschreitet diese Grenze nicht. Es ist daneben, aber nicht zu viel. Einfacher Beweis: Wie fände es denn das politische Stammtisch-Deutschland, würde sich ein Nationalspieler mit dem russischen Autokraten Putin zum Fototreffen einfinden? Oder, noch schlimmer, die gesamte Elf? Oder, noch viel schlimmer, der gesamte deutsche Kader, um in Putins Vorgarten eine Weltmeisterschaft zu bestreiten?

Wer die Spiele in Russland schaut, ist also entweder Volksverräter, oder einfach fußballbegeistert.

 

DIE BUNTE MANNSCHAFT

Unglücklicherweise besteht der Terminus ›Deutsche Fußballnationalmannschaft‹ aus ganzen vier Wörtern, von denen die eine Hälfte Sachbezeichnung ist (›Fußball‹, ›Mannschaft‹), und die andere Anlass zu hohldeutschem Patriotengeschwätz gibt (›deutsch‹, ›national‹). Echte Fans hören die ersten beiden, AfD-Wähler die letzten. Und deshalb drehen sich Hymnen-Streit und Foto-Debatte nicht immer nur um deutsche Werte und Anständigkeit.

Des Pudels Kern ist nämlich oft ein anderer. Es geht um die Kanacken in unserer Elf, die man nicht am Pass in der Tasche, sondern an Gesichtsfarbe, Haarpracht und Aussprache erkennt. Und das ist das eigentliche – unausgesprochene – Problem für den besorgten Rechtskonservativen. Die deutsche Nationalelf des 21. Jahrhundert sieht anders aus als die Heldenmannschaft von 1945. Äh, 1954, sorry, kleiner Zahlendreher.

Der wahre Fußballfan freut sich über ausländisch klingende Namen auf deutschen Trikots – Zeichen für Integration, Multikulturalismus und Sportlichkeit. Und vor allem: Zeichen dafür, das fußballerische Leistung – und nicht Herkunft – zählt. Er pfeift nur dann aus, wenn mutmaßlich und offensichtlich Grenzen überschritten werden.

Podolski hat die Hymne übrigens auch nie mitgesungen. Genauso wie Messi, Ibrahimović und Benzema.

Ach, scheiße. Podolski ist ja halber Pole. Trotzdem geil, wenn er sowas Integratives sagt wie: »Doppelpass alleine? Vergiss es!«

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