Ende der 1990er Jahre setzen sich biomorphe Formen in der Architektur durch. Zwei Jahrzehnte später müssen wir feststellen: Nach Allianz-Arena, Kunsthaus Graz und London City Hall ist der Stil-Hype durch. Zu viel Effekt, zu wenig Substanz. Man muss wissen, wann Schluss ist.


Fans von Zaha Hadid und Frank Gehry gehören zu den Leuten, die auf einem verlängerten Wochenende in der britischen Hauptstadt neben David-Garrett-Konzert und Madame-Toussauds-Besuch nicht umhin kommen, auch mal knollenförmige Architektur der Avantgarde zu beschauen.  Wenig verwunderlich, dass bei der anschließenden Betrachtung der London City Hall altbekannte Knallersätze der angewandten Kunstkritik fallen: ›Wahnsinn, spürst du auch, wie dieses Gebäude atmet?‹. Und Bauwerke, vor denen sich ebensolche beschämende Szenen abspielen, sprießen in den letzten Jahren aus dem Boden. Doch was hat es mit Biomorphie und Freiförmigkeit des Selfridges Department Store oder The Sage Gateshead auf sich? Wofür die Hysterie?

Den Stil, um den es geht, beschreibt das Kofferwort ›Blobitecture‹, das sich im deutschen Sprachraum gewohnt unprätentiös als Blob-Architektur etabliert hat. Seine Geschichte ist schnell erzählt: Mitte der 90er entdecken eine Handvoll Architekten die ungeahnten Möglichkeiten des computer-aided design, kurz: CAD. Und weil seitdem nicht mehr selbst gerechnet werden muss, verhilft die neue Software zu bislang ungeahnten stilistischen Kunststücken: Durch Manipulation der Algorithmen entstehen am Rechner runde, organisch dehnbare ›Metaballs‹, die durch den Einsatz neuer Werkmaterialien auch tatsächlich gebaut werden können. Der Blob ist geboren. Allerdings weniger im Kopf des Architekten als in den Stromkreisen des PCs.

 

DAS KUNSTHAUS GRAZ IST LAUT UND ANGEBERISCH

Seitdem scheint keine Großstadt unseres Planeten vor dem Blob-Hype sicher zu sein. Immer mehr Bauten fressen sich wie gigantische, metallene Amphibien durch gut sortierte Stadtbilder – Hauptsache, die halbdurchsichtige Fassade ist bogenartig geschwungen und aus hypermodernem Material, während die Gebäudeform selbst wie ein übergroßer Schleimbeutel wirkt. Eines der bekanntesten Blobitecture-Exponate, das Kunsthaus Graz, zeigt diese selbstgefälligen Stilgrundsätze in Perfektion: Organische Formgebung, unverhältnismäßiger Umfang (damit die Hälfte der umliegenden Gebäude plump überragt werden können), und BIX-Medienfassade aus Acrylglas – die Außenwand muss ja schließlich als Mega-Bildschirm funktionieren.

Natürlich ist das Werk, das von seinen Erbauern wenig spitzfindig ›Friendly Alien‹ getauft wurde, ein Hingucker. Allerdings vor allem deshalb, weil man nicht wegschauen kann. Seine stilistischen Aushängeschilder – Gigantismus, Materialismus, Organik – eignen sich eben kaum zur architektonischen Zurückhaltung. Und genau das ist das Problem. Was als Einzelstück interessant erscheinen mag, ist als Konzept einer Massenbewegung schlichtweg übertrieben.

 

BLOBITECTURE FUNKTIONIERT GENAUSO BILLIG WIE FOTOREALISMUS

Es ist immer schlecht, wenn ein Stil nur dann funktioniert, wenn er technisch oder laut ist. Denn diese Ebene der Auseinandersetzung mit Architektur ist ebenso veraltet wie ordinär: Wir müssen eine gotische Kathedrale nicht mehr deshalb bewundern, weil es ja eine Heidenarbeit für die mittelalterlichen Steinmetze gewesen sein muss, riesige Kirchtürme zu bauen. Genauso wenig zeigen sich doch anständige Bürger beeindruckt von einer sauber inszenierten Massen-Militärparade nordkoreanischer Soldaten, oder Monstertruck-Wheelies, oder fotorealistischen Bildchen, oder jeder bislang stattgefundenen Olympia-Eröffnungsfeier.

Warum also legen wir nun diese billige Perspektive auf zeitgenössische Bauwerke? Architektur sollte mehr sein als reine Materialschau oder statische Finesse. Kein Gebäude sollte seinen Betrachter anschreien (›Killer, ich bestehe aus tausend Folienkissen aus ultramodernen Polymeren‹) oder ihn selbstverliebt zur Bewunderung auffordern (›Wow, ich bin eine übergroße organische Form aus fließenden Schläuchen und gleite total flussmäßig durchs historistische Stadtbild‹). Paganini, zum Beispiel, galt als einer der größten Virtuosen seiner Zeit – immer schnell, immer technisch am Rande der Machbarkeit, immer effekthascherisch. Musikalisch allerdings haben sich seine Violinkonzerte nie vom künstlerischen Gehalt eines Schlager-Hits unterschieden. Blob-Architektur ist ähnlich profan – wie jede andere Stilrichtung, die nur das ausführt, was technische Neuerung ist und auffällt. Und deshalb muss jetzt langsam Schluss sein.

Zur Abrissfrage: Ein paar von den Riesenkomplexen sollten stehen bleiben dürfen, es wäre schade um die immensen Baukosten; beim Großteil allerdings muss stets daran gedacht werden, dass die Damen und Herren vom Landesamt für Denkmalpflege überall lauern. Und wenn die Stadtverwaltung nicht schnell genug ist, muss man sich als Metropole kurzerhand für immer und ewig – oder zumindest bis zum nächsten Krieg – mit den Folgen unüberlegter Kurzzeit-Hypes rumschlagen. Urbane Opfer des Brutalismus können ein Lied davon singen.

So lange man nicht richtig sprechen kann, sollte man auch nicht schreien. Hat Ludwig bestimmt auch über sein Wittgenstein-Haus gesagt. Und deshalb, liebe hochbegabte Drittsemester im Architekturstudium: Mies van der Rohe hat’s auch ohne Lärm geschafft.

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