Wenn in Mainz Fassnacht ist, wendet sich der Rest der Republik ab. Doch der Stadt und ihren Bewohnern hat die fünfte Jahreszeit schon oft geholfen, Leid und Mühsal zu vergessen – besonders nach ihrer Zerstörung durch britische Bomber im Zweiten Weltkrieg. Als 1952 ein einfacher Dachdeckermeister die karnevalistische Bühne betritt, singt er ein altes Kinderlied. Das Publikum rührt er dabei zu Tränen, denn nun weiß es: Die Zeit heilt alle Wunden.


1929 komponiert Martin Mundo ein kurzes Lied. Den Text liefert ein alter Kinderreim, den Mütter und Großmütter seit Jahrzehnten dem heulenden Nachwuchs vortragen. Denn immer dann, wenn Blut am kleinen Finger fließt, müssen neben Streicheleinheiten und Blaseheilungen auch schöne Melodien herhalten. Die Zeilen des eingängigen Refrains kennt deshalb jeder Dreikäsehoch als wirksame Erste-Hilfe-Maßnahme:

 

Heile, heile Gänsje,

Es ist bald wieder gut.

Das Kätzje hat ein Schwänzje,

Es ist bald wieder gut.

Heile, heile Mäusespeck,

In hundert Jahr’ ist alles weg.

 

Am 27. Februar 1945 legen die Briten die gesamte Mainzer Innenstadt in Schutt und Asche. Noch Jahre danach erinnern Ruinen und Abendgeschichten an den Bombenhagel. Der Schrecken sitzt tief. Doch was wäre Mainz ohne seine aufmunternde Fastnacht, die seit dem Hochmittelalter dem elendigen Lebensleid eine Pause verschafft. Tatsächlich versucht der Mainzer Carneval Club schon ein Jahr nach Kriegsende, der traumatisierten Stadtbevölkerung unter dem Leitspruch »Lache unter Tränen« einen karnevalistischen Lichtblick zu geben. Nachdem sich anfangs die Zustimmung angesichts der Toten und Trümmer in Grenzen hält, findet schon 1950 der erste Rosenmontagzug nach Kriegsende statt. Ausgelassen ist die Stimmung aber noch immer nicht.

 

HEILE, HEILE GÄNSJE

Ernst Neger ist ein einfacher Dachdeckermeister – mit Faible zu ebenso einfachem Gesang. Seit den 1930er Jahren gibt er regelmäßig kurze Volksliedchen in Mainzer Kneipen zum Besten. Später wird der Handwerker vom blinden Pianisten Toni Hämmerle begleitet, der sein Augenlicht 1941 während eines Bombenangriffes verloren hat. Vom Tastenhauen hält ihn das aber nicht ab. Und weil sein unprätentiöses Klavierspiel so wunderbar zum Gesange seines baldigen Freundes passt, finden die beiden Musiker schnell zueinander.

Neger ist kein großer Sänger, Hämmerle kein Virtuose. Und doch schaffen es die Zwei, die regionale Zuhörerschaft mit ihrer Schlagermusik zu fesseln. Der künstlerische Höhepunkt des Duetts bleibt aber die Mainzer Fassnacht. Neger ist Generaloberst und Vizepräsident der Mainzer Prinzengarde, und auch Hämmerle liebt den Karneval.

1952 steht der ›singende Dachdeckermeister‹ mit seinem blinden Begleiter auf der Bühne. Die Fassnachtssitzung ist im vollen Gange, als Neger seine Interpretation von ›Heile, heile Gänsje‹ anstimmt. Nach wenigen Augenblicken wird der Saal ruhig, und bald fließen die ersten Tränen.

 

 

Verlegen steht Neger auf dem großen Podium, die Daumen schüchtern in den Gürtel gesteckt, beide Augenbrauen hochgezogen. Er hat schon weiße Haare bekommen, und seine Stimme klingt nach Onkels Gute-Nacht-Liedgesang – kein Vibrato, dafür feiner, rheinhessischer Dialekt. Bei jeder betonten Silbe nickt er mit dem Kopf. Neger singt wie der einfache Mann, der er ist. Und das rührt die Mainzer.

Die jungen Damen schluchzen, die alten starren in die Leere, manche singen leise mit. Georg Zimmer-Emden hat zwei Zusatzstrophen gedichtet, die sich um das Schicksal der zerstörten Stadt und ihrer schwer geprüften Einwohner drehen. Es geht um »mein arm’ zertrümmert’ Mainz«, und das man es wiederaufbauen möge. Das Kinderlied ist erwachsen geworden.

 

MAINZER PSYCHOANALYSE

Der Vortrag der beiden wird im gesamten Nachkriegsdeutschland zu einem Hit. Und viele Jahre danach darf Neger die Bühne immer erst dann verlassen, wenn er das Lied gesungen hat. Dabei liegt der Zauber der Strophen nicht nur in seiner Stimme begründet.

›Heile, heile Gänsje‹ handelt von einem Kind, das sich wehgetan hat und von der Mutter getröstet wird. Schon Freud weiß, dass die Mutter-Kind-Beziehung prototypisch für fast alles ist: So, wie die Mutter das Kind liebt, findet es sich später in anderen Beziehungen wieder. Der frühkindliche Drang nach Trost für Tränen bleibt – selbst wenn das Kind die Mutterrolle irgendwann selbst erledigen muss.

Negers Lied spielt auf diese Entwicklung an. Der Vers selbst ist für Kinder gemacht – unsinnige Wortabfolgen, triviale Sinnzusammenhänge. Als wüsste das Lied aber, dass es von Kindern gehört und von Erwachsenen gesungen wird, endet es mit ebendiesem Hinweis auf den zeitlosen Trost-Tröster-Zyklus – denn, »in hundert Jahr’ ist alles weg«. Für Freud bleiben wir alle Kinder, auch wenn wir singen müssen. ›Heile, heile Gänsje‹ wird uns deshalb zum psychoanalytischen Platzhalter für den urbildlichen Heulen-Helfen-Komplex.

 

GÄNSE-METRIK

Die einleitende Strophe des Refrains (»Heile, heile Gänsje«) ist mehr Abzählreim als Poesie – und auch das »heile, heile Mausespeck« hätte Schiller bestimmt besser gekonnt. Aber darum geht es ja nicht. Denn die Versmetrik folgt nur einem wesentlichen Zwecke: Schnörkellose Wiederholung mit verdaulichem Ende. Diese Arbeit erledigen ein paar trochäische und jambische Versmaße, die sich am besten in der wiegenden Mutter Arme merken lassen.

Zweimal folgt der Einschub »Es ist bald wieder gut.« Warum die Repetition? Taktmaß und kindliche Wissensvermittlung gehören zusammen. Einen guten Rhythmus merkt man sich ebenso wie einen guten Reim. Denn seit Homers Hexametern wissen Dichter, dass es nur bei eingängiger Paraphrasierung gelingt, tiefe Einsichten an die schriftunkundige Leserschaft zu übermitteln. Und genau das will das Lied ja: Mit Freudscher Komplexfixierung zeigen, dass man immer einen Tröster braucht.

 

DIE ›HEILE, HEILE SEGEN‹-FORMEL: EINFACH SCHWER

Kant nennt ›analytisches Urteil‹, was auch der Dreijährige schon wissen kann: Dass das Kätzje ein Schwänzje hat, ist eine simple Einsicht. Sie hat ihn, weil sie ihn hat: Einer Katze intensionales Merkmal ist halt der Schwanz. Die Wirkung einer solchen trockenen Aussage ist allerdings, selbst dem schlimmsten Schmerz ein ganz normales Gesicht zu geben.

Doch bei weinenden Kindern hilft nicht nur, auf die ontologische Einfachheit des Unglücks an sich hinzuweisen. Es bedarf der poetischen Genesung – die sich wie von Zauberhand unter der wunderbaren Metrik der Schlussformel einstellt. Heinrich Detering weiß dazu: »Vollzogen wird die Heilung erst im abschließenden Reimpaar, nämlich durch die geballte vierte Hebung, durch die sich die Schlussverse von den dreihebigen Vorgängern unterscheiden, und durch die geballte Wucht zweier betonter Kadenzen.« Und tatsächlich ist der Schmerz beim »Heile, heile Mausespeck, in hundert Jahr’ ist alles weg« wie nie dagewesen. Und was Detering ›Heilungszauber‹ nennt, wirkt nicht nur beim Nachwuchs.

Der nämlich kann die existentielle Schwere des hundertjährigen Zeitkontextes eigentlich gar nicht verstehen. Jeder Mündige, der den Weg zur Mainzer Fassnacht der Nachkriegszeit gefunden hat, schon. Denn Neger erinnert sie, dass selbst das Leid des Krieges irgendwann vergangen ist – so wie alles andere auch.

Tröstend für Kinder – des Reimes wegen. Tröstend für die erwachsene Abendgesellschaft nur, weil die große Vergänglichkeit eben auch Schmerz und Schinderei betrifft.

2009 befragt das Südwest-Fernsehen seinen regionalen Zuschauerkreis nach dem besten Fastnachtslied. Unter 111 Vorschlägen schafft es Negers Interpretation auf den ersten Platz.

Denn was sollte man weinenden Kindern sonst vorsingen?

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