Seit den 1970er Jahren versenden Wissenschaftler Nachrichten an außerirdische Lebensformen. Bisher gab’s noch keine Antwort. Zeit genug also, die galaktische Flaschenpost an sich zu hinterfragen. Können Aliens die Botschaften überhaupt decodieren? Und warum tun wir in den Mitteilungen so, als stehe ein friedlicher ›First Contact‹ auf unserem netten Planeten bevor?


Ende des 19. Jahrhunderts notiert ein englischer Schriftsteller über die Menschheit, sie schlendere »mit ihren kleinen Sorgen kreuz und quer auf dem Erdball umher«. Dann aber bricht weißglühendes Gas auf dem Mars aus, und Feuergeschosse rasen auf die Erde zu. Trotzdem lässt der Autor über den Astronomen Ogilvy wissen, er glaube nicht an Leben auf unserem roten Bruderplaneten, und er mache »sich über die landläufige Ansicht lustig, er könne Bewohner haben, die uns Zeichen geben.« Monate später schlagen zwei große Metallzylinder auf der Erde ein.

Als namenloser Protagonist steigt ein Philosoph in einen der Krater hinunter, um den heißen Metallkörper aus dem All zu beschauen: »Schon spielte ich mit dem Gedanken, dass der Körper Handschriften enthalten könne; ich malte mir die Schwierigkeiten aus, die sich bei ihrer Übersetzung ergeben würden, ich hoffte auf Münzen und Modelle und sofort.«

Die seltsamen Vorfälle, über die H. G. Wells 1898 schreibt, enden in einem Krieg der Welten. Dass seine Hauptfigur zunächst an eine harmlose Botschaft der Marsianer denkt, mag seinem friedvollen Gemüt zu eigen sein. Die Befürchtung aber, eine Entschlüsselung könne schwierig werden, ist berechtigt.


VOYAGER GOLDEN RECORD

1977 dreht die NASA den Spieß um. An Bord der beiden Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 installieren Techniker zwei goldene Datenplatten, die eine Nachricht an Außerirdische enthalten. Dann schießen Titan-Trägerraketen die Sonden ins All. Seitdem hofft die Weltraumbehörde, die kosmische Flaschenpost kommt irgendwo an.

Mittlerweile haben die Flugkörper unser Sonnensystem verlassen. Und auch wenn die Voyager-Zwillinge in rund 20 Jahren ohne Funkkontakt und Treibstoff durch den Weltraum trudeln werden, gibt’s immer noch die ›Golden Record‹-Platten – denn die sind für eine Lebensdauer von 500 Millionen Jahren angelegt. Zeit genug also, um irgendwann in die glitschigen Tentakel eines Aliens zu fallen.


ARECIBO-BOTSCHAFT

Schon vier Jahre vor dem Start der Voyager-Sonden denken sich die Astronomen Frank Drake und Carl Sagan eine dreiminütige Nachricht aus, die sie von einem riesigen Radioteleskop im puerto-ricanischen Arecibo ins All senden. Als Ziel haben sie einen Kugelsternhaufen in 25.100 Lichtjahren Entfernung im Visier. Hunderttausende Sterne tummeln sich im ›M13‹, und deshalb ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Botschaft einen Empfänger findet. Mit einer Antwort kann die Menschheit frühestens in 45.600 Jahren rechnen – doch, da Vinci weiß: »Die Zeit verweilt lange genug für denjenigen, der sie nutzen will.«

Um die Nachricht entschlüsseln zu können, sollte sich der Außerirdische mit Binärcodes auskennen. Mit ein bisschen Glück gelingt es ihm dann, Informationen zu ein paar chemischen Elementen, der Position unseres Sonnensystems oder der menschlichen Körpergröße und DNA auszulesen. Die fremde Lebensform könnte sich sogar am pixeligen Bildchen eines Menschen erfreuen, für das die Forscher großzügige 40 der insgesamt 1679 Bits opfern – ganz im Charme des Arcade-Klassikers Galaxy Game.




Doch es ist ja nie so einfach, wie es scheint. Denn eine extraterrestrische Brieffreundschaft funktioniert nur dann, wenn unsere Freunde im All mit Zahlenkunde, Geometrie und anderen mathematischen Lästigkeiten vertraut sind – sonst geht die Decodierung schief. Ob man das den Aliens zutrauen kann?


HIEROGLYPHEN UND BINÄRCODES

Die Voyager Golden Records stellen extraterrestrische Leser vor eine ähnliche Denksportaufgabe – denn ohne Decodierung gibt’s keine Daten. Als es dem Sprachwissenschaftler Jean-François Champollion 1822 gelingt, die ägyptischen Hieroglyphen zu entschlüsseln, hat er ein entscheidendes Hilfsmittel zur Hand: Auf dem ein paar Jahre zuvor gefundenen ›Stein von Rosetta‹ steht ein Dekret in drei unterschiedlichen Schriften – altgriechisch, demotisch, hieroglyphisch. Champollion nutzt die kurzen Texte deshalb als Ausschnitt eines Wörterbuchs. Er leitet Übersetzungsregeln ab und findet heraus, dass manche Hieroglyphen für ganze Wörter, andere für einzelne Buchstaben oder Kontexte stehen. Champollion hätte seine Erfolge allerdings nicht ohne Kenntnisse des Altgriechischen feiern können – denn für jede Übersetzung ist ein bekannter Referenztext notwendig, den Verfasser und Übersetzer gleichermaßen kennen. Ein Glück also, dass die alten Ägypter schon und der kluge Champollion noch immer des Griechischen mächtig waren.

Anders hätten es die Briten übrigens nie geschafft, die deutsche Enigma-Maschine zu knacken. Doch genau das ist die Schwierigkeit bei Nachrichten ins All. Wie übermittelt man ein gemeinsames Referenzsystem, mit dem der Außerirdische die angehängte Botschaft entschlüsseln kann?

Die Arecibo-Botschaft besteht aus 1679 Bits, von denen jedes zwei unterschiedliche Zustände belegen kann – die nerdige Null und Eins eben. Wenn der Alien nun in der Lage ist, die Zahlenreihen in Form eines Rechtecks anzuordnen, kann er Symbole und Bilder erkennen. Dem außerirdischen Übersetzer muss also ein binär codiertes Rechteck als Referenzsystem ausreichen.

Doch wie wahrscheinlich ist es, dass Erdlinge und Aliens die gemeinsame Sprache ›Binärcode‹ verstehen? Oder bedarf es eines anderen Steines von Rosetta?


›NIX VERSTEH’N‹

Als sich Carl Sagan an die Voyager-Datenplatten macht, hat er noch Größeres als das Arecibo-Projekt vor. Er will nicht nur Zahlen und Pixel-Symbole übermitteln, sondern Fotografien und Tonaufnahmen. Die vergoldete Kupferscheibe funktioniert dabei wie eine Schallplatte – einschließlich Nadel zum ›Abspielen‹ natürlich. Doch bevor es für den extraterrestrischen DJ losgehen kann, muss er die Gebrauchsanweisung verstehen. Und die ist – wie gehabt – im Binärcode geschrieben.

Kritiker halten nichts von der Annahme, Mensch und Alien kennen ähnliche Referenzsysteme – Mathematik, chemische Stoffe, Schwingungen, Binärcodes. Als Frank Drake seinen Kollegen eine Testnachricht vorlegt, kann niemand etwas mit der ›einfachen‹ Decodierungsanleitung anfangen. Die Wahrscheinlichkeit ist also äußerst gering, dass ein begabtes Alien die seltsame Schallplatten-Technologie versteht: Es klappt ja noch nicht mal auf der Erde.

Wenn Erdling und Alien sich gegenübersäßen, wäre die Kommunikation einfacher. Die Diskutanten könnten auf etwas zeigen oder sich beobachten, um zu verstehen, was der Andere versteht. Doch so fehlt das gemeinsame Referenzsystem – ein Stein von Rosetta, ein Zeigefinger, eine Antenne.

Doch die Kritik entzündet sich nicht nur daran, wie kommuniziert wird – sondern auch, was.


GRÜSSE VOM BLAUEN PLANETEN

Fast neunzig Minuten lang können die Bewohner der fremden Galaxie unsere irdischen Gassenhauer genießen, wenn sie die goldene Platte entziffern – Louis Armstrong und Chuck Berry, Bach und Beethoven, Sackpfeifengetröte aus Aserbeidschan und Trommeln aus dem Senegal. Die restlichen Audiodateien enthalten Grußbotschaften in über fünfzig Sprachen: Die Deutschen senden »Herzliche Grüße an alle«, die Japaner fragen »Hallo, wie geht’s euch?«, den Juden reicht ein einfaches »Schalom«, und die Griechen lassen bissig ausrichten: »Grüße an euch, wer immer ihr seid. Wir kommen in Freundschaft zu denen, die unsere Freunde sind.«

Als Dreingabe packt die NASA noch über hundert Bildchen drauf: Sanddünen, Delfine, ein thailändischer Handwerker, der Flughafen in Toronto, Penis und Vagina, physikalische und mathematische Definitionen. Und natürlich unseren Aufenthaltsort im galaktischen Suppentopf. Würden die Aliens also die Goldplatte vollständig entschlüsseln können, lautete die Nachricht: Es gibt uns, so sehen wir aus und hören uns an, und so findet ihr uns. Und das hat laute Kritikermäuler auf den Plan gerufen.


UNSER PLANET MUSS AUTHENTISCH WIRKEN

Wenn wir tatsächlich zu einem ›First Contact‹ einladen, sollte sich die Menschheit besonders um die planetare Selbstdarstellung Gedanken machen. Nicht auszumalen, friedfertige Aliens würden die beschwerliche Reise zu unserem Planeten antreten – doch statt Klassik und Willkommenskultur gäb’s nur Krieg und Verirrung. Der Reuige erinnert sich sehr oft, warum unsere Urahnen aus dem Garten Eden flogen.   

Wäre es also nicht ehrlicher – oder zumindest vollständiger – gewesen, ein paar Bilder von Folteropfern, Jordan Belfort, Atombomben und Grottenolmen für die galaktische Voyager-Platte auszuwählen? Und als Hörprobe vielleicht etwas Motörhead, Goebbels Sportpalastrede, Kotzgeräusche oder – noch deutlicher – einen Nickelback-Song? Der Mensch ist aus krummem Holze gemacht, und das Hässliche und Böse gehört dazu. 

Wir führen schon Kriege wegen kleinster Unterschiede – Haut etwas heller, Sprache anders, abweichendes Abendgebet. Was erwartet dann eine Spezies, die aussieht wie E. T. oder Alf? Vor allem, wenn sie beim Betreten des Planeten eine bestimmte Obergrenze reißt. Und so erscheint die goldene Datenplatte eher als selbstverliebte Identitätskonstruktion denn als objektives Zeugnis unseres Daseins. Etwa so, als lüden die Hells Angels zum Bibelkreis ein.


KRIEG DER WELTEN

In der Filmkunst überwiegen Narrative, die Außerirdische als Bedrohung abhandeln. Wer würde schon gerne mit H. R. Gigers Alien ausgehen oder einen Starship-Troopers-Bug an die Leine nehmen? Über die Prometheus-Konstrukteure gibt ihr Schöpfer Ridley Scott zu, sie seien »aggressive Arschlöcher«, und Alex Royas liebt an seinen finsteren Dark City-Außerirdischen nicht umsonst »die Trenchcoats, den Zigarettenrauch und das Ganze.« Was Hollywoods Aliens im Schilde führen, ist selten schön: Invasion, Gehirnwäsche, Auslöschung.

Und immer dann, wenn der Fremde aus dem All freundlicher Gesinnung ist, bricht das Böse aus dem Menschen: Avatar und District 9 mahnen uns ob dieser schlechten Angewohnheit. Denn nur der Story wegen finden sich unter den menschlichen Übeltätern immer einige Pocahontas und John Dunbars, die für die andere Seite kämpfen. In friedlicher Koexistenz enden die Drehbücher trotzdem selten. Die Filmkunst sagt uns also: Entweder die kleinen grünen Männchen – oder wir.

Alfred Hitchcock behauptet: »Ein Blick in die Welt beweist, dass Horror nichts anderes ist als Realität.« Die stereotypen Alien-Streifen verheißen deshalb für eine echte ›erste Begegnung‹ nichts Gutes. Der Film zieht die Grenze zwischen Wir und Anderen so, wie es der Zuschauer auch im echten Leben machen könnte. 

Warum also signalisieren Arecibo-Botschaft und Voyager Golden Record, ein Aufeinandertreffen sei Eierkuchen? Weshalb fehlt der Hinweis, es könnte krachen? Und warum geben wir unsere planetare Anschrift so offenkundig preis?


»WELCOME TO EARTH«

Will Smith entscheidet sich am Vortag des Independence Day, seinen ›First Contact‹ mit einem beherzten Schlag in die Alien-Fresse zu eröffnen. Sein »Welcome to Earth«-Gruß ist im Gegensatz zur Voyager-Message angemessen und ehrlich – denn wer unseren Planeten invadieren will, der bereite sich auf Kinnhaken vor. 



Nichts gegen Einladungskarten und Grußbotschaften ins All. Doch zumindest sollten sich die Absender Gedanken machen, ob der Empfänger die Mitteilung überhaupt lesen kann. Und auch, ob man eher für nette Welcome-Drinks oder für Schlägereien bekannt ist.

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