Jedes Heimspiel der thessalonischen Mannschaft PAOK feiern die Fans wie einen irren Sektenkult. Dass Religion und Fußballkultur in der nordgriechischen Stadt nicht weit auseinanderliegen, beweist die fanatische Anhängerschaft immer wieder aufs Neue. Das legendäre Toumba-Stadion ist deshalb wie gemacht für alle, die Lederkugeln und Kribbeln im Kopf mögen.


Beißende Augusthitze in Thessaloniki, 37 Grad im Schatten, drittes Play-Off-Hinspiel der Champions-League-Qualifikation, 71. Spielminute. Quincy Promes steht für den russischen Favoriten Spartak Moskau am Elfmeterpunkt. Wenn er verwandelt, kann er das hellenische Wunder der ersten Halbzeit zunichte machen. Moskau führte – wenig überraschend – mit zwei Toren Vorsprung, bevor die inbrünstigen Thessalonicher in einer Viertelstunde drei unglaubliche Kisten machen und in Führung gehen. Das Stadion bebt.

Doch Promes muss nicht nur gegen den griechischen Keeper Paschalakis anlaufen. Denn hinter dem Tor droht und schreit die gesamte Südkurve Salonikis. Dem wildgewordenen Haufen scheinen sämtliche Vernunftslichter ausgeblasen, sie verfluchen den israelischen Schiedsrichter, sie pfeifen und brüllen gegen den Schützen. Die Fäuste sind geballt.

Es ist, als müsse der arme Spartak-Linksaußen in dem ohrenbetäubenden Hexenkessel zu verlorenem Kampfe antreten – alleine gegen eine Soldateska aus Wahnsinnigen, bewaffnet mit Fahnen, Trommeln, Schlachtrufen. Dem Schiedsrichter gelingt es nicht, schnell anzupfeifen, und lässt Promes mit der wütenden Wand tausender Durchgeknallter allein. Der Weg zum Schafott muss einfacher gewesen sein.

Promes läuft an. Und verschießt.

Das Stadion tobt. Zusammen mit Paschalakis haben sie den Elfmeter gehalten.

 

RAUSSCHMISS AUS KONSTANTINOPEL

1875 gründen griechische Kicker in einem Istanbuler Stadtteil den Verein Hermes Club Pera. Doch kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges kommt es zur ›Kleinasiatischen Katastrophe‹. Nachdem die Griechen den Kampf gegen das zerschlagene Osmanische Reich verlieren, beschließen beide Kriegsparteien im Vertrag von Lausanne einen unerhörten Bevölkerungsaustausch: Hunderttausende Muslime müssen in die Türkei auswandern, mehr als eine Million Christen werden nach Griechenland ausgewiesen. Auch die Fußballer von Pera müssen mit gebrochenen Herzen ›ihre‹ Stadt Konstantinopel verlassen. Die neue Heimat ist Thessaloniki.

Nur drei Jahre später beschließen die jungen Männer, mit dem Verein P. A. O. K. ihren Traum weiterzuleben. Doch alles erinnert beim Gründungsakt an den Schmerz der Vertriebenen: Der schwarze Doppelkopfadler – das eigentlich majestätische Wappen des Byzantinischen Reiches – lässt auf den Vereinswimpeln die Flügel hängen; das Namenskürzel steht schmachtend für ›Panthessalonikischer Sportklub der Konstantinopler‹. Echte griechische Altherren-Bouzoukia-Nostalgie eben: Weinen um das vergangene Große, und Unzufriedenheit des unerträglichen Alltags wegen.

Das erste Spiel gewinnen die sentimentalen Balltreter 1926 mit 3:1. Bis heute ist der Verein noch nie in die zweite griechische Liga abgestiegen – eine Leistung, die manchen Hamburger zu Tränen rührt.

In den 1970er Jahren feiert PAOK dann endlich Erfolge – erster Pokalsieg, erste Meisterschaft, erste internationale Auftritte. In Saloniki ist man inzwischen zum einzig ernsthaften Herausforderer der mächtigen Athener Vereine geworden – so etwas wie der griechische Bayern-Jäger also.

 

GATE 4

Seit 1959 trägt der Verein seine Heimspiele im Toumba-Stadion aus. Der Betonklotz trägt einen großen Anteil an der legendären Fankultur der Hafenstadt. In seiner Südkurve um das Gate 4 versammeln sich zu jedem Match tausende PAOK-Ultras, um der gegnerischen Mannschaft zu verdeutlichen, es gehe um Leben und Tod. Denn Fußball nehmen die Griechen – nicht nur in Saloniki – so ernst wie die Familienehre.

In Toumba veranstalten die Fans dann das, was Philosophen mit ›primitivem Urzustand‹ meinen. Doch das Chaos ist erstaunlich schön orchestriert: Selbst freizeitlose Sängerknaben könnten die lauten Sprechchöre des Gate 4 nicht rhythmischer darbieten, und die Pyrotechniker beherrschen ihr Handwerk besser als gelernte Sprengmeister. Überhaupt scheint jeder, der hier mitmacht, seine fußballfreie Zeit einzig für das Studium langwieriger Choreographien zu opfern, die dann trotz erhöhtem Ethanol- und THC-Spiegel fehlerfrei vorgetragen werden. Denn jedes Spiel ist Messe. Mit Terror-Liturgie.

 

 

Kurz nach Anpfiff pflegen die Irren, sich obenrum freizumachen. Wer dann nicht mindestens drei PAOK-Tattoos in Übergröße auf Rücken und Bauch präsentieren kann, ist kein echter Fan – es sei denn, ein dichter Wald aus männlich-dunklem Brusthaar verdeckt den schwitzenden Ultra-Torso. Ein schöner Anblick für jeden, der sich auch an Schmierereien in Bahnhofklos erfreuen kann.

Kurze, aber eindrückliche Schlägereien geben dem Anblick des Gate 4 den letzten Feinschliff. Und deshalb müssen nicht nur interessierte Soziologen zugeben, dem explosiven Affenzirkus aus Ballermann, Stierkampf, Opera seria und nigerianischem Massenprotest etwas abzugewinnen. Denn wer sich als Fremder in den Stadionblöcken verirrt hat, merkt umgehend, welche Stunde geschlagen hat: Handgranaten-Safari, nur näher dran!

Gegnerische Fans sind in griechischen Liga-Spielen schon länger nicht mehr gestattet. Für europäische Fußballfans ist die drastische Regelung ärgerlich, denn die meisten Arenen leben vom Gebrüll beider Seiten. Doch zerstörte Innenstädte und überbelegte Krankenhäuser an jedem zweiten Wochenende waren selbst für die leidensfähigen griechischen Kommunalkassen zu viel.

 

GARCIA SIEHT ROT

Ein uruguayischer Fußballer hat sich nach seinem Wechsel zu PAOK 2008 in die Herzen der Fans gespielt. Dabei glänzte Pablo Garcia nicht nur auf dem Platz durch Unberechenbarkeit und ungestümes Temperament. In seinen ersten sechs Spielen brachte er es fertig, drei rote Karten zu kassieren. Das gefiel den Fans. Denn die mögen, wer auf ähnlicher Betriebstemperatur läuft.

Nach einem halben Jahr folgt die Liebeserklärung an seine Unterstützer im Toumba-Stadion. Auf einer Pressekonferenz fragt ein Reporter, was Garcia denn in der Zeit bei PAOK am meisten beeindruckt habe. »Ich bin der Meinung, dass eine keine so leidenschaftliche und fanatische Fans wie unsere gibt«, brummt der Dolmetscher, was der PAOK-Star auf Spanisch antwortet. Doch beim nächsten Satz zögert der Übersetzer wie ein beschämter Ministrant, der sich ein schlimmes Wort nicht sagen traut. Zeus sei Dank hat sich Garcia aber schon genügend Neugriechisch merken können, um das Ende seines Monologes selbst aufzusagen: »Die Fans haben Eier.«

Für den Großteil der bärtigen PAOK-Fans muss diese Aussage schöner gewesen sein als das Jawort der eigenen Ehefrau. Denn angewandter Sexismus ist für den maskulinen Stadionbesucher in Toumba Ehrensache. Es geht schließlich um Kult.

Die Fußballverrückten mit ausgeprägtem Phallus-Faible erfreuen sich im März dieses Jahres einem ebenso vulgären Pacino-Moment: Um der fachlichen Ablehnung einer Schiedsrichterentscheidung Ausdruck zu verleihen, stürmt der griechisch-russische PAOK-Präsident Savvidis auf das Spielfeld. Wild beschimpft er den Unparteiischen, während Fernsehkameras filmen, was eigentlich ins Western-Kino gehört: Savvidis hat eine geladene Knarre im Holster stecken.

Die griechische Superleague wird daraufhin für drei Wochen abgebrochen.

PAOK liebt seinen Boss trotzdem. Er hat Millionen in den Verein gesteckt – und die Mentalität stimmt offensichtlich auch.

 

UND MAMA IST AUCH IMMER DABEI

Die kritische Diskursanalyse geböte es, die Fan-Identität aus Testosteron und Revolution mal ordentlich zu dekonstruieren. Das ist wahr, und kein Müll bringt sich von alleine raus. Finden ja auch die grölenden Mamas im Garcia-Shirt, die es im Block neben Gate 4 genauso ernst meinen wie ihre Gatten. Und dass man sich auch um die Clubjugend kümmert, beweisen die mitgebrachten Kinder im Stadion – als hätten sich Che Guevara und Pep Guardiola im Zeugungsakt vergessen.

PAOK ist schließlich Familie. Aus großfressigen Macho-Fußballirren zwar, doch wenigstens wohnen die meisten von ihnen ja noch immer bei ihrer Mama. Da schmeckt der Saganaki nach verlorenem Duell und blauem Auge noch immer am besten.

Es sei gesagt: PAOK ist kein Vorbild für anständige Fußballkultur. Zu viel Gewaltverherrlichung, zu viel Sexismus, zu viel blinder Fanatismus und Rausch.

Es sind aber auch genau diese Zutaten, die Sophokles Dramen so gut machen.

Deshalb spricht der Fremde, der Toumba nach 90 Minuten verlässt, mit Nietzsches Worten zu den Fans: »Ich sage euch: Ihr habt noch Chaos in euch!«

Und das will man unbedingt nochmal sehen.

 

 

Ω παοκάρα, έχω τρέλα μες στο μυαλό.

Όπου και να παίζεις πάντα θα σ’ ακολουθώ για σένα θα πεθάνω και για σένα μόνο ζω.

Ähnliches: Honigessen ist gesund, zu viel macht speien.

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