Politisches Schmierentheater versteht einfach keine Sau – unübersichtliches Kriegsgeschehen, vertrackter Kuhhandel, verworrene Diplomatie. Und immer dann, wenn’s für den Geist zu verzwickt wird, neigt der Polit-Beobachter zu gedanklicher Vereinfachung. Das geht am besten, indem man Außenpolitik, Staatlichkeit und fremde Kulturen personifiziert: Aus Deutschland wird Merkel, aus Russland Putin, und die USA sind Trump. Doch Fehlwahrnehmungen und willkürliche Attributionen sind psychologische Beta-Blocker, die man nicht so einfach absetzen kann.


Internationale Politik ist unangenehm kompliziert. Iran-Deal, Afghanistan, UN-Mandate und – gottbewahre – Europäische Union. Niemand versteht, wie’s wirklich funktioniert, oder wer dahintersteht, oder warum überhaupt etwas passiert. Dass dann Bauernregel und Verschwörungstheorie schnell zur kognitiven Krücke werden, verwundert nicht. Am einfachsten ist es dabei, das politisches Zeitgeschehen auf einige wenige Personen und Charakterzüge zu beschränken. Der lange Weg zur deutschen Einheit? Das war Helmut Kohl, und Reagan und Gorbatschow halfen. Der Krieg in Syrien? Assad und Putin! Kein Wunder also, dass bei dem Wunsch nach simpler Personifizierung der Politik auch Andere auf der Strecke bleiben. Der arme Löw kann ein Lied davon singen.

 

JERVIS ÖFFNET AUGEN

1976 schreibt Robert Jervis ein Buch über Fehlwahrnehmungen in der internationalen Politik. Er glaubt nicht länger daran, dass das tägliche Gerangel zwischen Großmächten nüchternes Schachspiel oder durchsichtiger Schlagabtausch ist. Denn wer im eigenen Land die Außenpolitik fremder Nationen beobachtet, unterliegt oft grundlegend falschen Einschätzungen. Ganz besonders stört Jervis eine der verhängnisvollsten Missperzeptionen: Wir bewerten das politische Verhalten anderer Staaten als zentralisierter, geplanter und koordinierter, als es eigentlich ist. So wird der Regierungschef oder Außenminister des entfernten Landes schnell zum vermeintlichen Kopf einer außenpolitischen Aktion, die eigentlich Ergebnis einer komplexen und unaufgeräumten innenpolitischen Wuselei ist.

Die russische Krimannexion etwa beurteilt der Westen als schlagartige Erfüllung von Putins höchstpersönlichen, machtgeilen Feuchtträumen. Tatsächlich aber ist die Krise um die Halbinsel trauriger Akt eines jahrelangen Hin und Her aus Militärberatungen, Strategiepapieren, Referenden und Duma-Duellen. Dass Wladimir den Befehl zum Einmarsch gab, heißt nicht zwangsläufig, dass einzig der Präsident auf eine schlechte Idee gekommen ist.

Deutsche Außenpolitik beobachtet das Ausland ebenso bequem als Alleingang einzelner Staatsleute, und vergisst dabei den langwierigen, heimischen Willensbildungsprozess. So finden die Griechen, deutsche Forderungen seien alleinig von Merkel oder von Schäuble ›gemacht‹ – unterschätzen dabei aber die monatelangen Querelen aus Kabinettsitzungen, Parteikämpfen und Parlamentsdebatten, die vor jedem außenpolitischen Beschluss zu erstaunen sind.

Die Folge dieser verheerenden Fehlwahrnehmungen ist gefährliche Vereinfachung: Russland ist Putin, die USA sind Trump, und Merkel ist Deutschland. Jervis fordert uns deshalb auf, Staat und Staatschef nicht in einen Topf zu werfen. Das macht das Verständnis internationaler Politik zwar nicht einfacher – zeigt aber zumindest, dass der alte Willy Brandt Recht hatte: »Man kann nie so kompliziert denken, wie es plötzlich kommt.«

 

SCHLIMMER GEHT IMMER: PSYCHOLOGIE DER INTERNEN ATTRIBUTION

Doch mit der Personifizierung der politischen Sphäre ist es nicht getan. Denn auch der Politikinteressierte aus der Eckkneipe nebenan leidet unbemerkt unter ähnlich Wahrnehmungsfehlern: Warum lässt die Merkel alle Flüchtlinge rein? Warum sperrt der Putin alle Schwulen weg? Und warum bombt Donald in Syrien rum? Dergestalt formulierte Fragen kann man ganz schnell beantworten – und zwar mithilfe ebenso einfacher wie falscher Gedankenspagate.

Der Psychologe Fritz Heider weiß schon Ende der 1950er Jahre, woran das liegt. Es gibt nämlich kaum jemanden, der nicht Hobbypsychologe ist. Menschen analysieren tagtäglich das Verhalten ihres Gegenübers. Wer etwa im Straßenverkehr beleidigt wird, der kann nach reiflicher Untersuchung zu zweierlei Schluss kommen: Entweder, dass der Beleidigende grundsätzlich ein aggressives Arschloch ist, oder aber, dass man einem eigentlich friedfertigen Fahrer die Vorfahrt genommen und selbigen zur Insultation gezwungen hat. Die erste Attribution (Arschloch) ist interner Natur – man führt das Betragen des Anderen auf dessen Persönlichkeit zurück. Letztere Zuschreibung (Vorfahrt genommen) fußt auf externer Attribution – denn hier erklärt sich das Verhalten des Mitmenschen durch äußere Umstände und Situationszwang.

Mit seiner Kollegin Marianne Simmel hat sich Heider 1944 ein ulkiges Experiment um das Problem mit der internen Attribution ausgedacht. Die beiden zeigen ein paar laborrattigen Probanden einen zusammenhanglosen Film mit Dreiecken und Kreisen, die vor weißem Grund herumschwirren. Das Publikum kann dann nicht anders, als den geometrischen Figürchen menschliche Intentionen und Emotionen anzudichten – vollkommen willkürlich, erschreckend intuitiv.

 

 

Heider stellt fest, dass wir – wenig verwunderlich – grundsätzlich eine Vorliebe zur internen Zuschreibung haben, und weniger zu sachlich-externer Attribution neigen. In der Debatte um politisches Wirrwarr ist das ähnlich: Was Großbritannien macht, erklärt sich mit dem Gemüt einer Theresa May; und dass Bulgarien so rüber kommt wie sein Karate-Trainer Bojko Borissow passt wie die Faust aufs Auge. Einen schlechten Politikwissenschaftler erkennt man deshalb daran, dass er politische Angelegenheiten mit verzerrten Personifizierungen erklären muss, weil ihm keine anderen Gründe einfallen. Dann müssen Merkels rationale Gefühlskälte, Trumps größenwahnsinniger Narzissmus oder Putins Boshaftigkeit herhalten, statt auf Amtszwänge, Parteispiele, Wählerwillen oder Verhandlungsdruck hinzuweisen.

 

SPIEGEL IM KLO: WER DUMM BLEIBEN WILL, MUSS LESEN

Ähnlich gerne machen das deutsche Leitmedien, wenn in Kommentaren und Essays die politische Welt zu erklären versucht wird. Beispiel gefällig? Einfach mal die heimische Toilette aufsuchen und dort den nächstbesten Spiegel-Beitrag zu SPD-Wahlniederlage, Maut-Desaster oder Asylpolitik aufschlagen, für den mehr als drei Seiten Druckertinte verschwendet wurden. Mit erschreckend hoher Wahrscheinlichkeit geht’s im ersten Absatz um Charakter und Eigenart irgendeines Politikers, den Lokaljournalisten im Ausland-Ressort als hölzerne Erklärung für die komplizierte Polit-Story außenrum verunzieren.

Immerhin kann man in diesen Fällen das entsprechende Schundblatt getrost unters Klopapier zurücklegen – und stattdessen die belesene Oma oder den interessierten Nachbarn um Stellungnahme bitten. Denn die beiden unterliegen mutmaßlich dem, was sachunkundigen Polit-Redakteuren ebenso vorzuwerfen ist: Fundamentaler Attributionsfehler!

Aphoristiker und Warhol-Model Einstein sinniert abschließend: »Man muss die Dinge so einfach machen wie möglich – aber nicht einfacher«. Gelingt aber bei Handelskrieg und Flüchtlingswelle genauso wenig wie bei Relativitätstheorien.

Weg mit der Person, her mit der Politik!

 


Wen das Buch von Robert Jervis interessiert, der muss Englisch können. Sein 1976 erschienenes Werk »Perception and Misperception in International Politics« verlegt die Oxford University Press – und will dafür rund 30 Dollar haben. Viel Geld für zwölf Kapitel ohne Bilder. Hilft aber zumindest, am Stammtisch eine kurze Metadiskussion anzuheizen, bevor die neue Runde kommt.

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