Die mazedonische Hauptstadt Skopje hat ein Facelift bekommen. Weil aber die politischen Kosmetiker dabei ethnozentristische Pseudo-Architektur sehen wollten, lacht nun die ganze Welt. Denn bloß weil man bronzene Alexander-der-Große-Statuen und riesige Triumphbögen errichten lässt, hat man noch lange kein antikes Erbe geschaffen. Doch wozu brauchen die Nationalisten Mazedoniens überhaupt Klassizismus und Kitsch?


Wer nach zweieinhalb Flaschen Grauburgunder und zweieinhalb Stunden ›Gladiator‹-Filmgenuss beschließt, die innere Leere zu füllen und endlich ein bisschen mehr wie der rotzverschmierte Haudegen Russell Crowe rüberzukommen, dem gebührt zunächst Hochachtung. Doch weil der moderne Mensch sehr selten mit Blechkorsett im Kolosseum kämpfen muss und nur noch wenige römische Kaiser à la Commodus zu töten erforderlich sind, geben sich die Helden von heute ganz anders. Denn wäre es nicht lächerlich, zöge Whistleblower Snowden in Tunika und Sandale ins Gefecht, um anschließend NSA-Chef Keith Alexander mit einem Lederriemen zu erdrosseln?

Die Konstruktion eines heroischen Selbst kann sich zwar am antiken Vorbild orientieren – sie darf allerdings nicht bloße Kopie sein. Denn sonst lachen alle. Bestes Beispiel: Der Habitus eines Ronaldos vor dem Freistoß erinnert eben weniger an den Sparta-Soldaten vor dem Todesstoß, dessen Verkörperung CR7 ja offensichtlich zu repräsentieren sucht.

Das alles macht es so schwer, der Öffentlichkeit glaubhaft einen tapferen und ruhmvollen Persönlichkeitstyp zu verkaufen. An ihrer Erschaffung sind bislang nicht nur Menschen, sondern selbst Hauptstädte gescheitert.

 

MAKEDONEN UND MAZEDONIER

Schon länger hat sich das Balkan-Ländchen Mazedonien innerlich leer gefühlt. Findet zumindest seine 2008 gewählte Regierungspartei mit der einprägsamen Abkürzung VMRO-DPMNE. Es fehlt der Mythos, es fehlen echte Patrioten. Und weil nationale Identität ihren Anfang immer in Geschichtsbüchern hat, braucht auch die große Nation Mazedonien eine historisierende Legende.

Die wiederum sollte sich um echte Kerle vom Schlag eines brüllenden Russell-Crowe-Gladiatoren drehen. Der Deutsche, zum Beispiel, steht ja bekanntlich in einer Ahnenlinie mit dem Römerschlächter und Cheruskerfürsten Herrmann, während die Franzosen ihrem Vercingetorix Denkmäler bauen. Doch bei den Mazedoniern ging das bisher nicht ganz so einfach – zumal das Land erst seit 1991 unabhängig ist und Historiker das Volk lange Zeit einfach als Südserben oder Bulgaren bezeichneten.

Doch Gott sei Dank gibt es ja tatsächlich ein antikes Makedonien – die Heimat Alexander des Großen und seines bärtigen Vaters Philipp II. Ob die beiden nun tatsächlich Griechen waren oder einer anderen Kultur angehörten, ist umstritten. Dass die slawischen Völker aber (zu denen die heutigen Mazedonier zählen) die antike Region erst viel später besiedelten, ist belegt. Die VMRO-DPMNE hält das aber nicht davon ab, eine künstliche Verbindung zwischen antiken Makedonen und slawischen Mazedoniern herzustellen. Denn das stiftet, was ansonsten fehlt: Identität als Nation.

 

SKOPJE 2014

Die Geschichtsexperten der VMRO-DPMNE rufen deshalb das ambitionierte Programm ›Skopje 2014‹ aus. Damit die mazedonische Bevölkerung samt touristischem Tross versteht, dass man identitätsmäßig wieder klassisch-heroisch eingestellt ist, soll die Hauptstadt mit mehreren hundert Millionen umgestaltet werden. Die Regierung will riesige Plätze, neue Statuen, Brunnen, Museen und Ministerien bauen lassen.

Doch bei der Stilfrage lässt sie Architekten und Künstlern keinen Freiraum – denn für modernes Gedankengut hat sie nichts übrig, und alle baulichen Vorgaben sind ja in jedem Sammelband à la ›Tempel, Titten, Thermen: Architektur der Antike‹ nachzuschlagen. Und damit alles ans antike Makedonien erinnert, muss das Stadtbild so aussehen wie Kopien des fast vergessenen Königreichs: Klassische Fassaden in billigem Weiß, Statuen in Diskobolos-Manier, römische Triumphbögen und griechische Säulen, Kapitelle und Gesimse, soweit das Auge reicht.

 

MONUMENT ALS KRANKHEIT

Schon einige Baujahre später dürfen die erschrockenen Einwohner Skopjes die Ergebnisse des architektonischen Schluckaufs begutachten. Der Anblick ist grauenvoll. Auf dem größten Platz der verhunzten Stadt ragt nun inmitten einer dummen Brunnenanlage das gigantische Reitermodell Alexanders aus dem Boden – dreiundzwanzig Meter hoch, Bronze-Löwen außenrum, nachts blau beleuchtet. Ohne künstlerische Distanz zu früher, ohne moderne Interpretation – einfach so, wie’s Alexander selbst hätte bauen lassen, nur billiger.

 

 

Doch damit nicht genug. Ein paar hundert Meter weiter errichten die geisteskranken Parteiköpfe einen weiteren, noch dümmeren Brunnen, dessen Anblick unweigerlich zu kurzweiligem Fieberwahn einlädt. Das monströse Olympias-Monument zeigt in vier Szenen, wie der kindliche Alexander von seiner vollbusigen Mutter ausgetragen, dann gesäugt, umarmt und schließlich bespielt wird. Im Hirn des Betrachters flackern postwendend ungeordnet Begriffe wie ›Germania‹, ›Disneyland‹, ›Stalin‹, ›Jesu Geburt‹, ›IKEA‹ und ›This is Sparta!‹ auf.

Verzweifelt schreit das Auge nach Erlösung, doch findet – »Das Unglück macht den längsten Weg mit einem Schritte« – nur einige Meter weiter die nächste Materialverschwendung. Wieder ein Brunnen, wieder eine riesige Bronzestatue, zweiundzwanzig Meter hoch, Steinpodest darunter. Diesmal ist es Philipp II., linke Hand am Schwerte, die rechte zur erhobenen Faust geballt, glattrasierte MMA-Oberschenkelmuskulatur, starrer Siegesblick über den Vardar zum reitenden Sohnemann. Ungebremst knallen die nächsten Assoziationen an die Schädeldecke – diesmal um die Themenkomplexe ›Römisches Reich‹, ›Drittes Reich‹ und ›Penis‹.

 

 

Zumindest ist die makedonische Königsfamilie nun vollzählig – triefend aber vor klassizistischem Pseudo-Schwulst, peinlich für die Heroen selbst, und ebenso peinlich für die gebeutelte Innenstadt. Doch damit nicht genug. Denn die Rosine im Komposthaufen kommt erst noch: Ein monumentaler Triumphbogen nämlich, einundzwanzig Meter hoch, knapp fünf Millionen Euro teuer, Makedonia-Schriftzug, mit einer Karte des antiken Makedoniens verziert. Hier, so muss nüchtern zu konstatieren erlaubt sein, ist eine Sicherung durchgebrannt.

 

 

Es schmerzt immer wieder, das Fehlen einer Realitätsfernbedienung zum Wegzappen bemerken zu müssen. Nach Skopjes neuem Anstrich hat nun wenigstens der Ruhrpott genügend Gründe, ob seiner wunderbaren Erscheinung zu frohlocken. Duisburg, Essen, Dortmund – echte Postkartenmotive!

 

IMITIEREN, ABER NICHT KOPIEREN

Skopjes Problem ist nicht die Identitätssuche an sich. Wenn sich das Land in seinem Alexander-Hype wohlfühlt, es sei vergönnt. Der Lächerlichkeit gibt man sich allerdings dann preis, wenn man so tut, als stünden die Monumente und Denkmäler schon seit Jahrhunderten in der Hauptstadt rum. Wer aber im 21. Jahrhundert den Landeshelden Statuen bauen möchte, muss erkennen lassen, sich nicht in der Zeit zu irren: Etwas Moderne für die Form, etwas Postmoderne für die Kunst, etwas Gegenwart fürs Material, und – wenn’s sein muss – etwas Historismus für die Story.

Renaissance und Klassizismus haben ja auch nicht einfach Antikes kopiert, sondern weiterentwickelt. Nachahmung meint eben nicht stumpfes Abschreiben. Wer wie Skopje ›antikisiert‹, macht keinen Neo-Ismus. Das Verbrechen dabei ist nicht, Statuen von nationalen Identifikationsfiguren bauen zu lassen. Schlimm ist allein der Pseudo-Stil. Und in anderen Ländern klappt’s doch auch: Cianfanellis Mandela-Skulptur, Boonhams Martin-Luther-King-Statue, Černýs Kafka-Kopf, und sogar Bondarenkos Gagarin-Monument. Keine künstlerischen Perlen, nichts für die Ewigkeit, aber eben auch nicht lächerlich.

 

KITSCH UND KATER

Wer nach dem fünften dienstäglichen Feierabendbier weitersäuft, als sei Freitag, kriegt seine Rechnung am nächsten Morgen – denn er hat die Zeit verleugnet, die immer stimmt. Mazedoniens VMRO-DPMNE hat so getan, als sei Antike. Die Rechnung der Baupsychose: Zwischen 600 und 700 Millionen Euro Kosten, 24 ›neoklassizistische‹ Gebäude, 40 Denkmäler, vier neue Brücken. Und eine Abwahl. Denn das unsinnige Projekt ist nicht nur eine Sünde wider den guten Geschmack, sondern ein Affront gegen Mazedoniens multiethnische Bevölkerung aus muslimischen Albanern, Türken und Roma.

Mittlerweile hat die neue Regierung das Programm gestoppt.

Wie’s weitergeht, ist unklar. Eine Kommission entscheidet jetzt, was mit dem vom amtierenden Ministerpräsidenten Zoran Zaev bezeichneten »idiotischen Skopje-2014-Projekt« passieren soll. Ernsthafte Überlegung ist es, die Kitsch-Bauten einfach wieder abzureißen.

Dann könnte sich Skopje auch wieder sehen lassen – mit authentischer osmanischer Altstadt, slawischen Einschlägen und echten jugoslawischen Brutalismus-Klötzen.

Denn die Stadt ist eigentlich schön. Das ist Jennifer Lawrence übrigens auch – es sei denn, sie hat zu viel Schminke drauf.

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