In den letzten Jahren häufen sich wilde Theorien um eines der seltsamsten Phänomene des wunderbaren niederbayerischen Erdreichs: Fast siebenhundert unterirdische ›Schrazlgänge‹ schlängeln sich eng und verzweigt durch den Boden – ohne Ausgang, ohne Hinterlassenschaften. Welchen Sinn die tausendjährigen Erdlöcher haben, ist bis heute unklar. Und das wird sich so schnell nicht ändern.


Immer wieder versinkt in Niederbayern etwas im Boden – mal ein Streifenwagen der Polizei, mal eine grasende Kuh. Gelegentlich finden auch Baggerfahrer oder Kellerbauer, was Futter für bayerische Betthupferl-Vorleser ist: Den Eingang zu mysteriösen Gängen unter der Erde, die der Volksmund ›Erdställe‹ oder ›Schrazlgänge‹ getauft hat. Um die tausendjährigen Bauwerke ranken sich unzählige Sagen und Mythen – etwa, dass geisterhafte Zwergwesen in den Löchern hausen, die der ängstliche Bayer schon immer als Schrazeln fürchtete.

Die meisten der rund siebenhundert bislang entdeckten Gänge finden sich in Niederbayern – nordwestlich von Passau, im südlichen Teil des Bayerischen Waldes: Klein, eng, verzweigt, meist mit einer Kammer am Ende. Belegt ist, dass die Erdlöcher im Hochmittelalter von Menschenhand ausgehoben wurden. Doch wofür die ganze Graberei gut war, weiß niemand.

 

UNTER KLESSINGERS KARTOFFELKELLER

Seit über hundert Jahren ist das Gasthaus Klessinger in Familienhand. Das Gebäude in dem abgeschiedenen Örtchen Hundsruck ist allerdings ungleich älter. Hier findet 1449 ein Schrazlgang erstmals urkundliche Erwähnung. Tausend Jahre soll der Erdstall alt sein, der rund fünf Meter unter Niederbayerns Normalnull liegt. Wer sich auf allen vieren durch den finsteren Gang quetscht, dem muss bei knapp einem Meter Höhe und ungemütlichen sechzig Zentimetern Breite jegliche Raumangst fremd sein. Denn umdrehen kann man sich erst in der kleinen Kammer am Ende des dämmerigen Ganges.

Dass unter dem Kartoffelkeller ein seltsames Loch ins dunkle Erdreich führt, weiß der Wirtsmann Martin Klessinger schon lange: »Als Kinder haben wir schon da drin gespielt.« Ganz reingetraut habe sich damals aber niemand – zumal der Schrazlgang über die Jahrhunderte mit immer mehr Dreck und Erde zugeschüttet wurde. Der Besitzer entschließt sich 2006 trotzdem, das unheimliche Bauwerk vollständig freizulegen.

Forscher stellen anschließend fest, dass der gesamte Gang nach rund zwanzig Metern in eine kleine Endkammer mündet, in die seine Erbauer zwei winzige Sitzgelegenheiten in den Granit schlugen. Kleine Einkerbungen und Rußspuren finden sich an den Wänden, wo einst Fackeln hingen. »Früher hat man gesagt, der führt von hier zur Burg im Nachbarort«, erinnert sich Klessinger. Heute weiß er, dass der Erdstall keinen Ausgang hat.

 

DREI MAL UNTER DIE ERDE

Die Liste unterirdischer Bauten ist lang. Als 1963 ein Türke in Zentralanatolien seinen Keller renovieren will und eine Wand einreißt, findet er einen langen, dunklen Gang. Noch weiß er nicht, dass er die riesige unterirdische Stadt Derinkuyu entdeckt hat: Vor Tausenden von Jahren angelegt, ausgeklügeltes Belüftungssystem, Platz für zehntausende Bewohner, und alle Eingänge durch mannshohe, rollende Indiana-Jones-Steine abriegelbar. Archäologen vermuten, man habe die Stadt als geheimen Schutz vor einfallenden Kriegern errichtet. Oder wegen der Hitze.

Das Oppenheimer Kellerlabyrinth dagegen entsteht im 14. Jahrhundert, weil oben kein Platz mehr ist: Durchs Land ziehende Kaufleute müssen wegen des Stapelrechts ihre Waren drei Tage lang feilbieten, doch das will niemand außerhalb der Befestigungsmauern des kleinen Städtchens wagen. Also entschließt man sich, ein unterirdisches System aus Lagerräumen, Gängen und Treppen auszugraben – das im Laufe der Jahrhunderte auf fünf Stockwerke und vierzig Kilometer Länge anwächst. Wegen der kühlen Temperaturen können die Händler nun Milch, Fleisch und – wohl bekam’s auch im feuchten Mittelalter – Bier lagern.

Und dann natürlich – Josef Fritzl. Der österreichische Irre betäubt und fesselt im August 1984 seine Tochter und sperrt sie in ein eigens gebautes Kellergefängnis, das er mit zwei massiven Stahltüren versperrt. Nach fast vierundzwanzig Jahren kommt die arme Frau durch einen Zufall frei. Bis dahin hat sie sieben Kinder geboren,  deren Vater der Dreckskerl Fritzl selbst ist. Behörden haben seinen Keller mittlerweile zubetonieren lassen.

 

EINE ARCHÄOLOGIN WEISS, DASS SIE NICHTS WEISS

Warum Menschen in der Erde rumgraben? Zuflucht, Lagerung, Verlies – das sind die üblichen Verdächtigen unter begründungswütigen Archäologen. Doch beim geheimnisvollen Phänomen des niederbayerischen Schrazlgangs tappt die Wissenschaft noch immer im Dunkeln: Für ein Versteck fehlt Belüftung und Fluchtweg, für Vorräte der Platz, und gegen Folterraum oder Gefängnis spricht der bauliche Aufwand.

Das Urteil der grabungsfreudigen Münchner Archäologin Ramona Baumgartner fällt deshalb äußert nüchtern aus: »Es gibt keine gesicherten Informationen«. Es fehle einfach an Funden, und damit seien wissenschaftlich belastbare Erkenntnisse zu Sinn und Unsinn der Gänge unmöglich. Nie wäre eine alte Scherbe, eine Waffe oder ein Knochen wertvoller gewesen – doch in keinem der bislang entdeckten Schrazlgänge konnten Forscher irgendwelche Hinterlassenschaften menschlichen Daseins nachweisen, die zur Erhellung beitragen könnten. Einzig im Röhrnbacher Schrazlgang fand man kürzlich etwas Holz und eine Nussschale. Die allerdings half bloß bei der exakten Datierung. Und leider sagt ja ein Kreuzchen auf dem Jahreskalender noch nichts darüber aus, was dem Einträger dabei im Sinn stand.

 

KULT UND MYSTIK IST NUR ETWAS FÜR UNGEDULDIGE

Wurden die Gänge angelegt, um Totenrituale oder mystische Zeremonien abzuhalten? In den letzten Jahren behaupten immer mehr Forscher, man habe es mit mittelalterlichen Kultstätten zu tun. Aber nicht alle wollen dieser These folgen: »Es ist eine Krankheit der Archäologie, was man nicht erklären kann, mit Mystik oder Kult zu begründen«, schimpft die buddelnde Baumgartner. Tatsächlich trifft die wenig träumerische Ausgräberin einen wunden Punkt, den Kollegen gerne bestreiten: Von wissenschaftlich Unerklärlichem wird so schnell wie gerne auf banale Vergötzung und Seelentanz-Firlefanz geschlossen. Denn ein religiöses oder kulturelles Symbol kann ja, Gott sei Dank, alles sein – Stonehenge, Schalenstein und Nebra-Himmelsscheibe können ein Lied davon singen.

Also was tun, wenn’s keine Fundstücke gibt? Baumgartner sagt dazu: »Wenn nichts da ist, kann ich nichts interpretieren.« Und das gilt für die Archäologie genauso wie für Homöopathie und UFO-Forschung. Bis zum Lüften müssen wir uns beim Geheimnis um die düsteren Schrazlgänge also wohl oder übel noch etwas gedulden müssen.

Bis dahin, liebe niederbayerische Hausbesitzer: Obacht und Nüchternheit beim Kellerausbau! Und ein vorschnelles archäologisches ›Nein, das war’s nicht!‹ auf die stammtischige Bemerkung, es ließen sich ja wunderbar Bierfässer in den kühlen Schrazlgängen lagern.

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