Über 1.200 Kröten gibt der Deutsche im Jahr für seinen Urlaub aus. Doch rechtfertigt diese Ausgabe überhaupt, etwas zu tun, was man möglicherweise falsch verstanden hat? Ein Blick ins philologische Standardwerk zeigt: Urlaub darf nicht einfach Strand und Hängematte sein, sondern ist vielmehr mit der Erlaubnis verbunden, zu tun, was man sonst nicht tut.


Der Philologe Hubert Herkommer weiß, dass das Wörtchen ›Urlaub‹ in seinem über tausend Jahre alten Ursprung eine andere Bedeutung hat. »Ganz allgemein«, schreibt er, »heißt also ›Urlaub‹, fernab jeder Ferienstimmung, die ›Erlaubnis, die man sich herausnimmt.‹« Tatsächlich mussten Matrosen vor dem süffigen Landurlaub, Soldaten vor dem zeitweisen Austritt, oder der Ritter seinen Herrn um Erlaubnis – mittelhochdeutsch urloup – bitten, für einen bestimmen Zeitraum gehen zu dürfen.

Wer also vor ein paar Wochen diese Erlaubnis seines Office-Leibherrn eingeholt hat, darf nun seinen Urlaub antreten. Der pflichtbewusste deutsche Arbeitnehmer kann sich im Jahr mindestens 24 Tage, im Schnitt aber ganze 29 Tage von seinen lästigen Pflichten befreien lassen. Doch nur wenige wissen mit dieser einstweiligen Entfesselung von Sklaverei und Stempelkarte Sinnvolles anzufangen. Wie also macht man Urlaub, um definitorisch und psychologisch auf der sicheren Seite zu sein?

 

FALSCHER URLAUB

Wer Urlaub hat, dem ist es also erlaubt, für bestimmte Zeit fortzugehen. Daran sollte sich der Urlauber auch halten, um nicht unnötige Verschiebungen des semantischen Wortgehaltes zu riskieren. Trotzdem darf der Akt des Fortgangs nicht zu eng ausgelegt werden – denn das 21. Jahrhundert kennt tausend Wege, sich zu entfernen, ohne den eigentlichen Ort zu verlassen. Deshalb muss Urlaub eher ›Wegtrudeln‹ oder ›Abschwirren‹ vom eigentlichen Leben und Lebensrhythmus meinen. Einige düstere Exempel zeigen, wie man Urlaub falsch macht.

Wer seine rotzige Familie in einen billigen Wohnwagen packt und in die Bretagne fährt, der tut nichts anderes, als Haus und Habitat zu konservieren und an einen anderen Ort zu verlegen. Kein echter Fortgang also, sondern eher ein Umzug auf Zeit. Wer mit Rucksack und Leinenhose in Vietnam auf Wanderschaft zieht, bleibt dabei genauso westlicher Zoobesucher: Der Körper ist woanders, das glotzende Kopfgerät aber dasselbe. Wer mit seinen Kumpels eine harte Biker-Tour durch Kroatien wagt, macht dabei auch nur das, was er jedes zweite Sommerwochenende sowieso schon tut. Keine tatsächliche Kursänderung also. Zuletzt trifft ein ähnlicher Vorwurf all diejenigen, die im Cluburlaub an Adria und Ägäis auf der faulen Haut liegen: Ihr Strandkorb ist die Fortführung des heimischen Sofas, nur in wärmerer Umgebung und unter beschämender Belästigung des Auslandes.

All diese Ansätze sind falsch – sie bedeuten weniger echten Fortgang als lähmendes Weiteratmen. Sie helfen nicht, der Klaue des Kapitalismus wahrhaftig zu entfliehen, sondern sind lediglich längere Pause im differenzlogischen Hamsterrad der Work-Life-Balance. Wer derartige Urlaube macht, braucht keine.

 

AQUARELL UND ENTFREMDUNG

Wer die Erlaubnis bekommt, fortzugehen, sollte das auch tun – und zwar in totaler Konsequenz: Weg von allem, was Alltag, Beruf, soziales Umfeld und Angewohnheit heißt. Es gilt, die Familie hinter sich zu lassen, abgestandene Kommunikationsformen und Praktiken über Bord zu werfen, das Gewohnte zu zerstören, bisher Aufgebautes einzureißen, zu entzweien. Nur wer nach dem Urlaub sein altes Leben als Trümmerhaufen wiederfindet, hat richtig gehandelt.

Man darf, zum Beispiel, während der Urlaubszeit ein Aquarellbild malen. Doch nur allerdings, wenn man sich dafür über dreieinhalb Wochen die zerstörerische Attitüde eines holländischen Expressionisten aneignet: Morgendliche Schmerztabletten in Gin aufgelöst, um die Dilemmata der bildenden Kunst ertragen zu können; schlaflose Nächte, Versagensangst und Selbstzweifel vor weißer Leinwand in dunklem Keller; ausufernde, bisexuelle Liebesbeziehungen, die unter Tränen und Suizidandrohung zu Ende gehen; hysterische Pinselstriche und ständige Neuanfänge von Werken mit Arbeitstiteln wie »Laute Stille III« oder »Abendsonne meiner Kindheit«, von denen dann keines abgeschlossen wird. Wer nach ebensolchen Urlauben in sein altes Leben zurückkehrt und von der fassungslosen Familie mit den Worten »Dein Aquarell hat dich von uns entfremdet, Liebling« empfangen wird, hat alles richtig gemacht.

Urlaub findet im Kopf statt. Nur dann handelt es sich um einen echten Fortgang, der eine Erlaubnis von ganz oben rechtfertigt. Wer tagelang Last-Minute-Angebote durchforstet, sollte deshalb lieber die etymologische Grundlage des Wortes ›Urlaub‹ in modernem Sprachkontext erörtern. Kostet weniger, bringt mehr.

Und für den Neuanfang nach der Auszeit weiß Che Guevara zu beflügeln, der mit Messer im Mund feststellt: »Es gibt nur eine Sache, die größer ist als die Liebe zur Freiheit: Der Hass auf die Person, die sie dir wegnimmt.«

Arbeiter, brennt die Fabriken nieder!

Aber baut sie danach wieder auf, bis zum nächsten Sommeranfang.

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