Im schlesischen Münsterberg ist das Leben nach Ende des Ersten Weltkrieges hart und voller Entbehrung. Doch der einfache, kauzige Karl Denke hat selbst für die Ärmsten immer ein Stück Fleisch und etwas Ofenwärme übrig. Das Leben des alten Wohltäters gerät aber nach einem ungeheuren Vorwurf aus den Fugen. Ein grauenhaftes Drama um Pökelfleisch und Perversionen.


Schon der kühne Seefahrer wusste um die konservierende Wirkung von Pökelsalz. Besonders in ländlichen Gegenden schlachteten Bauernfamilien vor den harten Wintermonaten, um sich mit gepölkeltem Fleisch bis zur nächsten Ernte durchzuschlagen. Im Schlesien der letzten Zwanzigerjahre gehörte das Salz deshalb zur wichtigsten Haushaltsware der verarmten Landbevölkerung. Denn die Zeiten waren unbarmherzig: Der Erste Weltkrieg war gerade ausgefochten, die Hyperinflation machte das Brot teuer, und Arbeit war hart. Jeder musste sich durchschlagen.

Doch gute Seelen gibt es überall. Im schlesischen Städtchen Münsterberg lebt in dieser Zeit der vierundsechzigjährige Karl Denke – ein kauziger, grobschlächtiger Mann mit ergrautem Vollbart, der auf dem Wochenmarkt Hosenträger, Weidenkörbe und Schüsseln verkauft. Er redet nicht viel, ist ungebildet, und doch unter Nachbarn als gutmütiger »Papa Denke« bekannt: Denn obwohl er selbst nichts hat, bietet er fahrenden Landstreichern und Bettlern immer wieder Mahlzeit und Ofenwärme an – die Blaupause des freundlichen Idioten also, von dem man zwar munkelt, er schlachte des Hungers wegen nachts Hunde, doch habe ein warmes, kindliches Herz.

 

»ADOLPH, DU FETTER WANST!«

Drei Tage vor dem Heiligen Abend des Jahres 1924 hört der vorbeiziehende Wanderarbeiter Vincenz Olivier von der Gutmütigkeit des alten Riesen, und besucht ihn in seiner kleinen Wohnung in der Teichstraße 10. Doch dann läuft irgendetwas schief. Zwei Nachbarn treffen wenige Augenblicke später den aufgelösten Olivier, der in Todesangst aus Denkes Wohnung stürmt. Auf seiner Schläfe klafft eine blutige Wunde; er schreit: »Ein Verrückter will mich erschlagen!«

Die Geschichte, die Olivier wenig später den herbeigerufenen Polizisten zu Protokoll gibt, klingt für die Münsterberger wie ein schlechter Witz: Denke habe ihm zunächst am Abendtische ein Stück Pökelfleisch serviert, und ihm dann zwanzig Pfennige versprochen, würde er einen Brief für den Alten schreiben. »Adolph, du fetter Wanst!«, habe Denke diktiert; doch als sich der Schreiber dann schmunzelnd zu dem hinter ihm stehenden Wohltäter gedreht habe, konnte er nur mit Mühe und Not sein Leben retten: Denn Denke hätte schon mit einer Axt in der Hand ausgeholt, ihm den Schädel zu spalten – doch konnte sein zurückweichendes Opfer nur mehr streifen.

Die Geschichte des Anklägers ist selbst für den Richter so unglaubwürdig, dass Olivier umgehend wegen Landstreicherei und Bettlerei verurteilt wird. Es ist dann seiner Hartnäckigkeit geschuldet, dass die Polizei am Abend den verstörten Denke ebenso festnehmen muss, um ihm am nächsten Tag eine klärende Aussage abzuringen. Die Nachbarn protestieren laut. Was steckt hinter der absurden Lüge, die den armen Greis in Bedrängnis bringen soll?

Für den verängstigten Papa Denke scheint das Theater allerdings zu viel gewesen zu sein.

Er knüpft sich aus Hosenträgern eine Schlinge und erhängt sich am Fenstergitter seiner nächtlichen Zelle.

 

DAS ENDE DES DRITTEN AKTS

Die Stadt munkelt zunächst, Denke habe sich aus Scham um die irrige Beschuldigung das Leben genommen. Man trauert ob des bedauerlichen Schicksals eines gutmütigen Einzelgängers. Weil Denke selbst zu wenig Geld für eine anständige Beerdigung hat, machen sich zwei Polizisten auf den Weg in seine Wohnung, um dort nach Wertsachen zu suchen.

Was folgt, bezeichnet Aristoteles in seiner Dramentheorie als ›Peripetie‹ – einen Wendepunkt, der gewöhnlich am Ende des dritten Aktes als Katastrophe einschlägt.

Die Polizei findet in Denkes Wohnung getrocknete Blutspuren in Bodenritzen und an den Wänden. Unter seinem Bett modern Schüsseln, in denen der Alte gepökeltes Menschenfleisch und Fett lagerte. Messer und Sägen lehnen am Küchentisch. Es stinkt, und die Wachtmeister ziehen sofort Ermittler aus dem nahen Breslau hinzu.

Die Beamten finden in Denkes Gartenlaube 420 Zähne, 480 säuberlich geordnete Knochen, konservierte Brustwarzen und Genitalien seiner Opfer. Papa Denke war ein Serienmörder. Noch während der schaurigen Ermittlungen taucht ein Tagebuch auf, in das Denke voll preußischer Sorgfaltspflicht neben Schlachtdatum auch Name, Beruf, Alter und Gewicht der Getöteten notierte. Über zwanzig Jahre lang hatte er geschlachtet, zerhackt, gepökelt und gefressen. Über dreißig Menschen, meist Männer über 40, fielen seinem bestialischen Ritual zum Opfer. Der erste Eintrag datiert vom 21. Februar 1903, und Oliviers Name war bereits vermerkt.

 

PÖKELFLEISCH, PERVERSION, PARAPHILIE

Die ahnungslosen Nachbarn sind – wie in jeder schlechten Kriminalposse – überrascht. Die Hosenträger und Weidenkörbe, die Denke verkaufte, waren aus Menschenhaut gebunden, das Pökelfleisch aus männlichen Hüften und Oberschenkeln. Auch das nächtliche Hämmern und Sägen tönte nicht, weil er Schüsseln herstellte. Die Eimer voller Blut, die er gelegentlich in den Straßenablauf kippte, hatten ebenso wenig mit seinen Hundeschlachtungen zu tun.

Ob Papa Denke ein Motiv hatte, weiß niemand. Der Breslauer Gerichtsmediziner Friedrich Pietrusky, zwei Jahre zuvor mit der Arbeit ›Das Verhalten der Augen im Schlafe‹ promoviert, notierte über den merkwürdigen Schlächter Denke: »Hier der duldsame, friedfertige, gutmütige alte Sonderling, dort die mordgierige Bestie, die Menschen meuchelte, fraß und aus ihrer Haut Riemen schnitt. Das ist Denke. Seine Krankheit kann man Perversion oder vornehmer Paraphilie nennen, doch deswegen weiß noch immer kein Mensch, woher der ewige Zwang zum Menschenfressen stammte.«

Pietrusky, der Jahre später als Nationalsozialist über Zwangssterilisationen entschied und zu medizinischen Folgen von Kampfgiften forschte, urteilte abschließend: »Nach allem aber werden wir in Denke nicht das verabscheuungswürdige Ungeheuer sehen müssen, sondern einen Unglücklichen, der nach ehernen Gesetzen seines Daseins Kreise vollenden musste.«

Obwohl amerikanische Feinschmecker noch heute das getrocknete Beef Jerky lieben, blieb der Einsatz von echtem Pökelsalz auf den europäischen Kulturkreis beschränkt.

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