Der Unterstrich hat es geschafft: Um die diskriminierende Unterscheidung von Mann, Frau und drittem Geschlecht in der Schriftsprache aufzuheben, schlagen Linguisten den ›Gender-Gap‹ als vermittelndes Sonderzeichen vor. Doch damit wird die ungewollte Differenz lediglich vom Politischen ins Textliche verlagert. Tatsächliche Gleichberechtigung hingegen zeigt sich nur dann, wenn Trennlinien vollständig verschwinden – und nicht als komische Zeichen weiterbestehen.


»Steht dir übrigens ausgezeichnet zu Gesicht, das Ungnädigsein, Else. – Und der rote Sweater noch besser«, lässt Arthur Schnitzler die Protagonistin seiner gleichnamigen Novelle »Fräulein Else« nachsagen. Die bedauerliche Hauptfigur muss anschließend einen innerpsychischen Spießrutenlauf mitmachen, der sich irgendwo zwischen weiblicher Emanzipationsbemühung und männlicher Unterdrückung verläuft. Dass der Werktitel von 1924 die Anrede ›Fräulein‹ trägt, ist dabei bezeichnend für eine erniedrigende, fast hundertjährige Sprachpraxis – die der heutigen Debatte um geschlechtsneutrale Bezeichnung Vorschub leistet.

Das Innenministerium erließ 1972, die behördliche Unterscheidung von Frau und Fräulein aufzugeben – und maß damit auch unverheirateten Damen den gleichen Status bei, den Junggesellen schon immer hatten. Diese notwendige Entscheidung brachte den Stein erst richtig ins Rollen: Denn nun stellte sich die Frage, wie das Mann-Frau-Verhältnis im Schriftlichen auszugestalten sei.

Die Trennung zwischen Männchen und Weibchen hat im deutschen Schriftbild eine abwechslungsreiche Odyssee hinter sich gebracht. Nach anfänglicher Verwendung der Paarformel (›liebe Schülerinnen und Schüler‹) setzten sich mit Klammer und Schrägstrich – ›liebe Schüler(innen)‹, ›liebe Schüler/innen‹ – erstmals zwei Interpunktionszeichen in der sprachlichen Splittingpraxis durch. Anders als Punkt, Komma, Strich hatten diese allerdings nie zuvor eine besondere syntaktische Funktion, und machten deshalb allein durch ihre ungewöhnliche Erscheinung inmitten eines Wortes auf sich aufmerksam.

Als Schuldirektoren mit ›liebe SchülerInnen‹ in offiziellen Einladungen das Binnen-I zu pflegen und damit am Grundprinzip der Großschreibung zu rütteln begannen, fanden immer mehr Sonderzeichen Eingang in die Schreibpraxis: Denn mit der Emanzipation des dritten Geschlechts – Transgender, Intersexuelle, Transsexuelle – wurde es notwendig, die starre Mann-Frau-Polarität im geschriebenen Wort aufzubrechen. Mit dem Gender-Gap (›liebe Schüler___innen‹) macht daher seit Anfang des Jahrtausends der Unterstrich das Rennen, und verdrängt allmählich sogar den vielversprechenden Asterisk (›liebe Schüler*innen‹). Doch wie geht es in Anbetracht der begrenzten Anzahl an Satzzeichen nun weiter?

 

KAMPF DER GRAMMATIKALISCHEN GESCHLECHTER

Der Kampf des Feminismus hat dazu geführt, dass sich Sprache und Schrift an bisher Unbekanntes gewöhnen mussten. Wortneuschöpfungen wie ›Wählerin‹ und ›Ministerin‹ (1919), ›Fußballerin‹ (1922), ›Bischöfin‹ (1992) oder ›Bundeskanzlerin‹ (2005) stellten allerdings weniger einen harten Eingriff in die deutsche Sprache dar, sondern zeigten vielmehr, was grammatikalisch und im Schriftbild sowieso schon immer möglich war: Das weibliche Genus für Begriffe, die das bezeichneten, was früher ausschließlich Männern vorbehalten war.

Die gleichberechtigte Frau musste in fast allen gesellschaftlichen Domänen mit bislang ungehörten Bezeichnungen und Begriffen ausgestattet werden. Das soziale Aufbegehren gegen Unterdrückung und Diskriminierung erreichte damit die Arena der Grammatik, in der es dann um das Verhältnis von Femininum und Maskulinum ging. Dass in öffentlichen Anreden heutzutage das weibliche und männliche Geschlecht eine Rolle spielt, zeugt vom Erfolg dieses Kampfes. Die seit einigen Jahren geführte Debatte darüber, wie Menschen ohne binäre Geschlechtsidentität im deutschen Schriftbild zu inkludieren sind, ist ebenso Zeugnis einer beeindruckenden Emanzipationsbewegung. Denn Sprache ist und bleibt Gesellschaftsordnung.

 

WEGLASSEN IST BESSER ALS DIKTIEREN

Doch was ist die Wirkung eines Gender-Gaps, der ähnlich seiner Vorgänger eine bislang nonkonforme Benutzung von Sonderzeichen vorschreibt? Welchen Effekt haben Klammern, Sternchen oder Unterstriche, die ungeachtet jeder Schreibregel dem Leser als textliche Rarität ins Auge fallen? Es liegt auf der Hand, dass Frauenrechtlerinnen und Queers tatsächlich patriarchalische Sozialnormen zu Fall gebracht haben – und dass diese Umwälzungen auch in Schrift und Sprache stattfinden müssen. Das eigentliche Ziel jeder emanzipatorischen Bewegung darf allerdings nicht nur sein, Gleichberechtigung zu erlangen. Vielmehr muss am Ende dieser Bemühungen das gesellschaftliche Vergessen der vormaligen Ungleichheit stehen.

Hinge über den Sitzen der New Yorker Metro ein Schild mit der Aufschrift ›For Blacks and Whites‹, hätte das Malcom X zu endlosem Seelenglück gereicht. Dass aber Passagiere Jahrzehnte später kein solches Schild vorfinden, ist ein ungleich größerer Erfolg. Denn erst wenn der Hinweis auf zwingende Gleichbehandlung irrelevant geworden ist, wird die veraltete, diskriminierende Unterscheidung einer Hautfarbe, Ethnie oder Geschlechtsidentität zu dem, was sie in einer offenen Gesellschaft sein sollte: Egal.

In manchen Fällen ist das gelungen. Feministinnen suchten bekanntermaßen kein männliches Pendant zum ›Fräulein‹, sondern forderten vielmehr, auf die Benutzung des Wörtchens an sich zu verzichten. Es war also keinesfalls beabsichtigt, die Asymmetrie zwischen vorhandener weiblicher Anredeform und ihres fehlenden Maskulinums aufzulösen, indem sich eine symmetrische Sprechpraxis etablieren würde. Und tatsächlich: Die verachtende Kennzeichnung unverheirateter Frauen ist heute aus den meisten öffentlichen Diskursen verschwunden.

 

DIE KONTERREVOLUTION DES UNTERSTRICHS

Mit dem Gender-Gap haben Linguisten den Versuch unternehmen, eine geschlechtsneutrale Schreibweise zu verankern. Der allmählich fortschreitende Emanzipationsprozess der Queer-Bewegung vermag diesen Vorschlag auch tatsächlich zu rechtfertigen, wenn er Ausdruck eines noch immer andauernden Kampfes um Gleichberechtigung sein soll. Als Lösung taugt er allerdings nicht.

Der Unterstrich zeigt nämlich genau das, was er eigentlich unterminieren will – eine Unterscheidung zwischen Binarität und geschlechtlicher Unbestimmtheit. Denn statt diese Unterscheidung aufzulösen, fixiert er als auffallendes, regelbrechendes Sonderzeichen den unsinnigen Gegensatz von Norm und Queer. Jeder Text, der mit Gender-Gaps versehen ist, zeigt dem Leser: Etwas hier ist sonderbar, etwas hier unterscheidet sich vom Normalen.

Es muss also nach einer Lösung gesucht werden, die den üblichen Zeichenvorrat des deutschen Alphabets nicht verändert. Andernfalls verlagerte sich die diskriminierende Unterscheidung ganz einfach vom Politischen ins Geschriebene. Ohne Gender-Gap hingegen würden wir es womöglich mit neuen Begriffen zu tun haben, die allerdings – wenn grammatikalisch möglich und richtig – nicht mit neuen Zeichen einhergingen.

 

KULINARIK, PISSOIR, INTERPUNKTION

Jeder Deutsche denkt beim Betrachten des Accent grave im Wörtchen ›à la carte‹ unweigerlichen an dessen französische Herkunft. Wer anschließend Ćevapčići auf der Speisekarte findet, weiß, dass sich nun ein Sliwowitz zum Runterspülen empfehlen würde. Und obwohl sogar der Duden beide Begriffe kennt, verhärtet ihr Gebrauch dennoch die nationalkulinarische Frontlinie: Das deutsche und französische Alphabet teilen sich 26 lateinische Buchstaben, unterscheiden sich aber in einigen Lettern. Während Friedrich drei zusätzliche Umlaute kennt, schreibt Frédéric mit ganzen 16 außergewöhnlichen Zeichen aus Akzenten und Ligaturen. Beide Alphabete zeigen markante Unterschiede zwischen den Sprachen auf, die im besten Falle keine politische Wirkung entfalten.

Der Gender-Gap ist ein Sonderzeichen, das lediglich im Hebräischen als Vokalzeichen verwendet wird. Würde sich also der Unterstrich durchsetzen, stellte er ein merkwürdiges Novum in allen lateinischen Schriften dar. Und auch wenn er zunächst die unterschiedslose Allgemeinheit aller Geschlechtsidentitäten zu bezeichnen beabsichtigte, zwänge seine unübliche Benutzung das irritierte Leserauge, zumindest einen gewaltigen Unterschied festzustellen – und zwar zwischen der landesüblichen Schrift und dem Gender-Gap selbst. Schlimmer noch, gerade weil der Unterstrich nur einen einzigen Anwendungsfall kennt, manifestiert er den Kampf um Gleichberechtigung, statt ihn zu überwinden.

Sich zwischen Pissoir und Damen-WC entscheiden zu müssen, muss jedem Queer verständlicherweise zur Qual werden. Aber wenn es um die Frage nach einem Klo für alle geht, sollten wir das allgemeine Prinzip der Toilette unangetastet lassen. Denn nicht das stille Örtchen an sich diskriminiert, sondern das Schild an seiner Tür.

Es bleibt zu hoffen, dass die mutige Emanzipationsbewegung nicht an Tempo verliert. Sie sollte allerdings mit den richtigen Satzzeichen ins Gefecht ziehen.

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