Weil das Bairische immer seltener gesprochen wird, haben Sprach-Patrouilleure schnell einen Sündenbock gefunden: Das Hochdeutsche. Doch wer glaubt, durch ›tschüssfreie Zonen‹ seinen geliebten Dialekt retten zu können, ist auf dem Holzweg. Hochdeutsch ist eine junge, künstliche Ausgleichssprache, Bairisch eine uralte Mundart. Als echter Bajuware sollte man deshalb eher beide können, statt sich auf einen blödsinnigen Kampf gegen drohende Verhochdeutschung einzulassen.



Då kimmd oam as Saugrausn!
Das Bairische steht auf der Abschussliste. Was es in seinen heimischen Gefilden mit Auerhuhn, Feldlerche und Schnarrschrecke gemein hat? Es ist vom Aussterben bedroht. Die UNESCO hatte eigentlich schon vor ein paar Jahren Alarm geschlagen. Im »Atlas für bedrohte Sprachen« vom Februar 2009 stellten die besorgten Sprachschützer fest, dass dem Bairischen blüht, was der Bayer dem Preußen so sehnlich wünscht: Vollständige Auslöschung.

Die jahrzehntelange Binnenwanderung norddeutscher Migranten in den Freistaat hat dazu geführt, dass der Anteil derer gesunken ist, die im Biergarten die Maß noch anständig bestellen können – nämlich mit fast offenem Zentralvokal, dem ›mittleren a‹. Der wirtschaftliche Boom bayerischer Großstädte tut sein Übriges; besonders in urbanen Räumen verschwinden echte Dialektsprecher. Noch schlimmer ist, dass bairischsprechende Eltern ihre Sprösslinge immer häufiger in hochdeutschem Tonfall zusammenstauchen. Und was jedem wahren Bayer eine zweite Sendlinger Mordnacht ist, wünscht sich der dialektfreie Deutsche als ständige Gewohnheit. Die linguistische Bauernschlacht hat also zwei große Lager hervorgebracht: Das Hochdeutsche und das Bairische.

 

ZUERST WAR DER BAYER, DANN DIE LUTHERBIBEL

Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass Bairisch eine bloße Spielart des Hochdeutschen sei. Die Bajuwaren, ein Mischvolk aus Keltenresten, einigen Römern und vielen germanischen Stämmen, begannen ab dem 6. Jahrhundert, Altbairisch zu kakeln. Das ›dialektfreie‹ Standarddeutsch hingegen entstand erst tausend Jahre später. Denn als Martin Luther sich an die Bibelübersetzung machte, stellte er erschrocken fest, dass ihm ein entscheidendes Werkzeug fehlte: Es gab keine einheitliche deutsche Schriftsprache. Der Deutsche des Mittelalters entfaltete seine Wirtshaus-Intellektualität nur selten in genormten Textexzerpten. Luther entschied sich deshalb kurzerhand, eine neue Sprachvarietät zu erfinden. Ein paar Worte aus dem bairischen und mitteldeutschen Sprachraum dienten ihm als Grundlage; den großen Rest dachte er sich aus. Dank Gutenbergs Buchdruck verbreitete sich seine Übersetzung wie im Fluge – und damit die erste flächendeckende Kodifikation der deutschen Sprache.

Die heutige Standardsprache ist also ein künstliches Konstrukt – eine Ausgleichssprache, die vormals keiner ganz und viele etwas verstanden. Bairisch hingegen ist eine gewachsene, viel ältere Sprache. Und trotzdem verdrängt das seelenlose Yuppie-Hochdeutsch angeblich nach und nach den urigen Weißwurst-Slang. Allerhöchste Eisenbahn also für verängstigte Bayern, letzte Beatmungsversuche zu unternehmen: Obacht gem, länga lem. Von ›tschüssfreien Zonen‹ bis zu ausgrenzenden Dialektfördervereinen – die Liste der Rettungsversuche ist so lang wie einfallslos, denn vielen Vorschlägen liegt eine simple Fehleinschätzung zugrunde.

 

DER KRIEG FINDET NUR IM KOPF STATT

Zu glauben, man müsse das Bairische vor dem Hochdeutschen schützen, ist ebenso hirnrissig wie die Idee, Dirndl und Lederhose vor irgendeinem Skinny-Jeans-Hype abschirmen zu wollen. Bairisch sollte da gesprochen werden, wo Bayern ihre kulturelle Identität sinnvoll entwickeln können. Wenn allerdings der regionale Kontext eine geringere Rolle spielt – ›Titanic‹-Synchronisierungen, Rave-Events, Entscheidungen des Bundesgerichtshofes –, ist Hochdeutsch angebracht. Warum? Weil’s jeder versteht. Das ist Sinn und Zweck einer Ausgleichssprache.

Wer die bayerische Küche liebt, muss den japanischen Sushi-Meister im Glockenbachviertel nicht zwangsläufig zu Saurem Lüngerl auf der Maki-Platte zwingen. Beides ist lecker, beides hat seine Berechtigung. Mal hat man das eine im Mund, mal das andere. So zu tun, als fände ein Überlebenskampf zweier konkurrierender Sprachen statt, ist linguistische Demagogie.

 

WER BEIDES KANN, MUSS NICHTS VERTEIDIGEN

Ein echter Bayer spricht auch Hochdeutsch. Denn er hat verstanden, dass sich Kultur und Sprache dann am besten pflegen lassen, wenn die Begegnung mit dem Fremden (Preuße, Islam, Blanco) in Worten zu vollbringen sind, die einer vom Bairischen unabhängigen Kommunikationsform angehören. Identitätstremor gibt es nämlich nur, wenn der eigene Dialekt unverstanden bleibt. Ein Sepp in Tracht ist beim Schuhplattlern ganz er selbst, doch fühlt sich als Johnny beim Breakdance eher fehl am Platz. Zweisprachig aufgewachsene Grundschüler haben deshalb den Vorteil, am elterlichen Mittagstisch ihre sprachlich-kulturellen Wurzeln auszuleben – und dann am öffentlichen Diskurs in gut verständlicher Allgemeinsprache teilzunehmen. Wer allerdings nur eine Sprache kann, fühlt sich in einer dieser beiden Sphären entfremdet. Der Krieg wird unausweichlich – denn wer nichts sagen kann, haut gerne drauf.

Mal sehen, wie die ersten Reden unseres alten bayerischen Ministerpräsidenten und neuen bundesdeutschen Innenministers Horst Seehofer so rüberkommen. Die unverschämte Vermutung wäre ja: Je bairischer der Vortrag im überregionalen Bundestag, desto größer die Angst vor kultureller Abnutzung.

Bayern, sprecht den schönsten deutschen Dialekt mit Stolz! Aber lernt auch, ein freundliches Paderborner ›Tschüss‹ zu lieben. Es ist kein Angriff.

Pfiat eich.

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2 Comments

  1. Susi says:

    Wer bairisch nicht liebt, soll Bayern verlssen!

  2. Martin says:

    Wer keinen Dialekt hat, hat keine Heimat. Die Oberbayern und Oberpfälzer „bellen“ das Aussterben des Dialektes erfolgreich weg und sorgen für die Aufrechterhaltung der bayerischen Mundart. Auch in Rosenheim höre ich noch orginalgetreue Vokabeln aus dem bayerischen. Als münchner ist man ja eh schon begradigt und Monaco Franze und Baby Schimmerlos waren die Aushängeschilder des dialektischen Ausmaßes. Auch „zugereiste“ probieren sich in einzelnen Phrasen wie Servus, Grias Gott und he oida, was zum interkulturellen Austausch im zwischensprachlichen beiträgt. Von daher habe ich als Bayer kein Angst net und berufe mich auf das Recht der doppelten Verneinung…

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