Passanten finden einen russischen Doppelagenten und seine Tochter bewusstlos auf einer Parkbank in Salisbury. Nun rätselt die Welt, wer der Täter ist und woher sein Gift kommt. Doch im Fall ›Skripal‹ kann es keine Wahrheit geben. Weil die britische Regierungschefin May ihre eigene Justiz unterminiert, werden Beweise und Fakten durch das laute Säbelrasseln einer internationalen Affäre verdrängt. Ein Lehrstück für politische Theoretiker.


Für etwas mehr als sechs Pfund bekommt man in der Italo-Kette Zizzi eine mäßige Portion ›Bufala Caprese‹; für eine Pizza Rustica bezahlen hungrige Restaurantgäste im englischen Städtchen Salisbury das Doppelte. Am späten Mittag des 4. März 2018 betritt ein sechsundsechzigjähriger Russe in Begleitung seiner Tochter die beliebte Pizzeria und beschwert sich lauthals über die langen Wartezeiten. Er beginnt zu schreien. Zwei Stunden später finden Passanten die beiden auf einer Bank in einem nahegelegenen Park. Der Mann starrt mit entstellten Augen in den kalten, englischen Wolkenhimmel, seine Arme krampft er ungelenk, die Tochter lehnt bewusstlos an seiner Schulter.

Sicherheitskräfte in gelben Schutzanzügen untersuchen den Schauplatz, während Ärzte um das Leben der Zusammengebrochenen kämpfen. Der Polizist Nick Bailey fällt wenig später ebenfalls ins Koma; er hatte den abscheulichen Tatort als Erster begangen. In den nächsten Tagen ermittelt Scotland Yard gemeinsam mit einer britischen Anti-Terror-Einheit und 180 Militärs – darunter führende Experten für chemische und biologische Waffen.

 

RUSSISCHES GIFT GEGEN BRITISCHEN DOPPELAGENTEN

Sergej Skripal und seine Tochter Julija wurden vergiftet. Im britischen Militärlabor Porton Down, wo Forscher in den 1920er Jahren Menschenversuche mit Senfgas unternahmen, identifiziert man das Nervengift ›Nowitschok‹. Die Substanz lässt sämtliche Muskeln kontrahieren, bevor todbringende Lähmungen Herz und Lunge befallen. Sowjetische Wissenschaftler entwickelten das Toxikum vor rund fünfzig Jahren als Kampfstoff; es kursieren mittlerweile einige unbestätigte Strukturformeln der üblen Substanz. Das geheime Forschungsprogramm deckte 1991 der ehemalige Mitarbeiter und Giftmischer Will Mirsajanow auf, der den Zustand der beiden Opfer von Salisbury wenig hoffnungsvoll einschätzt: »Es gibt keine Heilung«. Man bleibe für den Rest seines Lebens »behindert«.

Ende März wacht Julija aus dem Koma auf, sie spricht. Sergej Skripals Zustand ist weiterhin kritisch. Seine 90-jährigen Mutter weiß noch immer nichts von dem Vorfall.

Skripal spioniert seit den 1980er Jahren in Europa für das »alles sehende Auge« – diesen pathetischen Namen trägt der russische Militärnachrichtendienst GRU. Als der Kalte Krieg verloren und die Sowjetunion untergegangen ist, lässt er sich vom britischen Geheimdienst MI6 anwerben – doch 2004 enttarnen ihn russische Ermittler als Doppelagenten. Weil er eine Liste sämtlicher GRU-Mitarbeiter mit Namen und Telefonnummern an die Briten weitergegeben haben soll, stecken ihn seine Richter für dreizehn Jahre ins Arbeitslager. 2010 begnadigt ihn der damalige Präsident Medwedjew, um ihn und drei andere Spione in einem schmierigen Kuhhandel gegen zehn vom FBI festgehaltene russische Spitzel zu tauschen. Seitdem lebt Skripal in Salisbury.

Dass die Hintergründe der Tat ordentlich aufgeklärt werden, ist unwahrscheinlich. Denn statt Polizisten und Staatsanwälten hat nun die Politik den Fall an sich gerissen.

 

»KEEPING THE BRITISH END UP, SIR«

James Bond hasste sie schon 1963. Die prüde Colonel Rosa Klebb will als böse Chefin der Abteilung ›Special Methods of Spy Detection‹ (SMERSH) den 007-Agenten finden und – dumpfer Paukenschlag – töten. Ihre Lieblingswaffe? Eine Giftklinge im rechten Schuh natürlich. Und nicht nur deshalb wissen eingefleischte Ian Fleming-Fans: Wer ›Liebesgrüße aus Moskau‹ erhält, darf keine saubere Ermittlungsarbeit à la Marple erwarten. Denn wo Regierungen ihre Finger im Spiel haben, sieht der Justizapparat alt aus. Bond hat seine Gegner eben selten durch flammende Plädoyers hinter Gitter gebracht. Und daran war sein zwielichtiger Arbeitgeber MI6 auch nie interessiert.

Dass Scotland Yard und britische Richter eher Nebenrollen im Bond-Franchise spielen, ist kein Zufall. Denn immer dann, wenn Kriminalfälle zum Spielball internationaler Politik werden, fallen nationale Gerichte als Schiedsrichter aus. Ein Blick in die weniger spektakulären Werke der politischen Theorie genügt, um das Warum zu verstehen.

 

MONTESQUIEU IST GEGEN GEWALT – ZUMINDEST UNGETEILT

Mitte des 18. Jahrhunderts hat der französische Baron Montesquieu die gute Idee der Gewaltenteilung. Daraus wiederum entwickelt sich das Prinzip einer unabhängigen Justiz, die Regeln für das menschliche Tohuwabohu festlegt – zum Beispiel, wie ein ordentliches Ermittlungsverfahren abzulaufen hat. Der Clou an der Sache ist, dass Gerichte und Gesetze dadurch hierarchisch aufgebaut sind: Landgericht sticht Amtsgericht, Grundgesetz sticht Verordnungen. Wer sich ungerecht behandelt fühlt, kann sich zwar über Revisionen nach oben klagen – am Ende allerdings bestimmen ein paar Robenträger der höchsten Instanz, was als ›legale Wahrheit‹ zumindest unpolitischer Natur ist. Denn kein politischer Amtsträger kann sich über die justizielle Hackordnung stellen.

Für die britische Judikative wäre das bedauerliche Schicksal Skripals nichts weiter als ein Aktenzeichen. Die Mühle der Justiz könnte mahlen wie immer: Ermittlungsverfahren, Beweisaufnahmen, Verhöre, Prozess, Knast oder Freispruch. Aber leider funktioniert das im Casa Skripal nicht. Denn es sind nicht nur Menschen, sondern Staaten im Spiel. Und zum Ärger Montesquieus können diese Staaten nicht anders, als sich außerhalb der zuständigen Gerichtsbarkeit zu streiten. Das ist wenig verwunderlich: Es geht nämlich nicht mehr um das Giftopfer und seinen Täter, sondern einen absurden Streit zwischen Großbritannien und Russland.

 

MAY WEISS NICHT, WAS ARENDT WUSSTE

Daran ist die britische Regierungschefin Theresa May selbst schuld. Ohne handfeste Beweise erklärte sie am 12. März, Russland sei »höchstwahrscheinlich« verantwortlich für das Attentat. Damit hebelte sie ihren eigenen Justizapparat aus: Russland könnte niemals vor einem britischen Gericht als Angeklagter in einem Strafprozess auftreten – und damit hat die unkluge Premierministerin die Rolle des Anklagbaren einfach gestrichen. Auch die Funktion des Richters hat sie vorweggenommen, und ihrem Urteil schon mal Strafe folgen lassen, indem sie ein paar russische Diplomaten auswies. Damit macht May aus dem Kriminalfall eine internationale Angelegenheit. Und dass Russland nun versucht, über den UN-Sicherheitsrat und die Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) bei den »intransparenten« Ermittlungen unter die Arme zu greifen, ist der Todesstoß für die britische Justiz.

So hatte sich das Montesquieu nicht vorgestellt. Denn internationale Politik sticht nun nationales Justizwesen. Statt eines vereidigten Richters stehen Putin und May am oberen Ende der Rechtshierarchie. Beweise, Tatsachen und Verfahrensregeln müssen Diplomatie, Regierungserklärungen und Machtspielen weichen. Und dass Wahrheit und Politik nicht unbedingt zusammenpassen, darüber klagte schon die arme Hannah Arendt. Your fault, Theresa.

May hat die Büchse der Pandora geöffnet. Denn nun muss der Täter Kreml-Anhängsel sein – andernfalls blamierte sich die ›Bloody Difficult Woman‹ angesichts der rausgeschmissenen russischen Landesvertreter vor der ganzen Welt. Und was dabei als Beweis oder Tatsache angeführt würde, müssten Putin und Lawrow als Verleumdung abtun. Und wieder weiß Arendt dazu, dass »man der Staatsräson jedes Prinzip und jede Tugend eher opfern kann als gerade Wahrheit und Wahrhaftigkeit.« Putin wäre ein politischer Dummkopf, würde er entgegen nationaler Interessen handeln – genauso wie May.

 

EINE STORY, ZWEI VERSIONEN

Deshalb müssen wir uns im Fall Skripal wohl oder übel mit dem zufriedengeben, was Verschwörungstheoretikern an 9/11 und Mondlandung so gut gefällt: Einer zweiten Version. Denn neue ›Beweise‹ kann jeder finden, der eine britische oder russische Schmutzkampagne vermutet. Echten Krimi-Fans hingegen blüht eine herbe Enttäuschung – denn wo kein Gericht, da kein Täter.

Der britische Bond-Thriller handelt vom Doppelagenten Skripal, den RGU-Agenten vergiften, weil er die 10 Downing Street mit Geheiminformationen versorgt. Am Ende gelingt es zumindest, dem Opfer und seiner unseligen Tochter eine neue Identität zu verschaffen und so ihr Leben zu retten.

In der russischen Version findet ein Komplott statt. Um vom Brexit-Desaster abzulenken, besorgen sich britische Spione aus dem Porton Down-Laboratorium eine Giftmischung. Dann geht das Säbelrassen zwischen EU und Russland in die zweite Runde – an dessen Ende ein lächelnder Putin steht.

Die Einleitungen zum britischen und russischen Narrativ sind das einzige, was beide Erzählungen gemein haben: Ein vergifteter Doppelagent und seine bedauernswerte Tochter auf einer englischen Parkbank, ein unbeteiligter Polizist im Koma, und eine vorläufig geschlossene Pizzeria in der Castle Street des Städtchen Salisbury.

Hätte May Montesquieu gelesen – sie schwiege während der Ermittlungen, um anschließend alle Karten in der Hand zu haben. Putin scheint dagegen Arendts Werk ganz gut zu kennen.

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1 Comment

  1. Martin says:

    Die Vergiftungsnummer kennen wir doch schon seit Alexander Litwinenko. Dort machte Theresa May bereits Bekanntschaft mit der russischen Verweigerung der Auslieferung durch Putin. Nur die Witwe konnte die Akteneinsicht erstreiten. Ausgeliefert wurde aber bisher noch keiner glaube ich. Justizia ist nicht blind aber greift nur bedingt hinter dem eisernen Vorhang.

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