Unter Stahltrümmern und Dreck liegt auf der nordrussischen Halbinsel Kora eines der sonderbarsten Zeugnisse des Kalten Krieges begraben. Denn was Jules Verne nur aufschreiben konnte, wollten sowjetische Ingenieure und Wissenschaftler in die Tat umsetzen. Doch geblieben ist nur ein runder, fest verschweißter Metalldeckel – und falsche Schreie aus dem Höllenfeuer.


Im tiefsten Norden Russlands, nahe der norwegischen Grenze, steht rund zehn Kilometer entfernt von der kalten Stadt Sapoljarni ein vergilbter, dreckiger Turm. In seiner Nähe rotten verlassene Betonhallen vor sich hin, umgeben von tschernobylesken Metallblechen, Geröll und Eisendrähten. Merkwürdige Bauzeichnungen hängen an den schmutzigen Wänden, die mit Pfeilen, Kreisen und kyrillischen Buchstaben beschrieben sind. In den Räumen stehen uralte Messgeräte und Labortische; alles ist durcheinander. Es muss Jahre her sein, seit das düstere Gelände verlassen wurde.

Draußen, irgendwo zwischen dem ganzen Schutt, ragt ein verrostetes Rohr aus dem Boden, dessen unscheinbare Öffnung mit einer kreisrunden Platte unter zwölf schweren Schrauben verschweißt ist.

Irgendjemand hat darauf geschrieben: 12.226 метров.

 

FUCK THE SPACE RACE!

In den 1960er Jahren steht der Kalte Krieg kurz vor der Eskalation. Nach Sputnik-Schock und Kubakrise liefern sich die beiden Politblöcke ein bislang beispielloses Wettrüsten. Doch dabei geht es nicht nur um das größte Atomwaffenarsenal: USA und Sowjetunion kämpfen auch um technologische Rekorde – in Fabriken, im Sport, und im Weltraum. Als der Kosmonaut Juri Gagarin am 12. April 1961 als erster Mensch im All in die Geschichtsbücher eingeht, nimmt das ›Space Race‹ Geschwindigkeit auf – denn jetzt wollen die Amerikaner mit der ersten Mondlandung Revanche.

Doch der Weltraum ist nicht der einzige Schauplatz, wo gekämpft wird. Es soll auch in die andere Richtung gehen. Und so lassen sich die verfeindeten Staaten auf einen grotesken Wettlauf ein, der nur ein Ziel hat: Ein Loch in die Erde zu bohren – so tief wie möglich.

 

JULES VERNE FÜR FORTGESCHRITTENE

Sowjetische Forscher beginnen 1967 mit der Bohrung auf der nördlichen Kola-Halbinsel. Sie wissen noch nicht, dass die Arbeiten an dem Loch erst neunundzwanzig Jahre später enden werden. 1970 baut der Schwermaschinenkonzern Uralmasch einen riesigen Bohrturm, der zunächst für eine 15.000-Meter-Bohrung mit rund 20 Zentimetern Durchmesser ausgelegt ist. Jules Vernes abenteuerliche Geschichte des Professor Otto Lidenbrocks, der 1863 mit einem Freund zum Mittelpunkt der Erde aufbricht, soll also bald neu erzählt werden.

1979 ist das Kola-Bohrloch 9.584 Meter tief. Damit schlagen die Sowjets den Rekord ihrer amerikanischen Widersacher, den sie mit der Explorationsbohrung ›Bertha Rogers‹ über fünf Jahre halten konnten.

1983 feiern Ingenieure und Arbeiter die 12.000-Meter-Marke. Forscher bergen aus zehn Kilometern Tiefe Mikrofossilien, die in 2,5 Milliarden Jahre altem Gestein eingeschlossen sind. Unmengen Wasser finden sich zwischen den Gesteinsschichten. Man entdeckt Gold.

 

KNOCKIN’ ON HELL’S DOOR

Doch mit jedem Meter, den sich die 200 Tonnen schwere Bohrmaschine in die Steinmassen frisst, wird es heißer. Irgendwann geht es nicht mehr weiter, der Bohrkopf dreht durch. Auf der Suche nach der Ursache lassen Forscher ein Spezialmikrofon in das Loch hinab. Als die Aufnahmen wenig später von Störgeräuschen befreit sind, stockt den Wissenschaftlern der Atem. Die grellen Schreie unzähliger Menschen sind auf den Bändern zu hören; Frauen und Männer, die hysterisch um ihr Leben kreischen.

Über Umwege gelangt die Story ins amerikanische Fernsehen. Der christliche Sender ›Trinity Broadcasting Network‹ berichtet 1989, die Sowjets hätten so tief gebohrt, dass man in einen feuerheißen Hohlraum durchstieß. Dort habe man die Schreie der Verdammten gehört – das Tor zur Hölle sei aufgebrochen. De profundis, heißt es im sechsten Bußpsalm des Alten Testaments: »Aus den Tiefen rufe ich, Herr, zu dir«.

 

DAS ENDE EINES TIEFEN TRAUMS

Es stellt sich heraus, dass die Geschichte nichts weiter als ein billiger Hoax ist. Die Geräusche stammten von seismischen Aktivitäten im Inneren der Erde. Zahlreiche kirchliche Zeitungen und Sender müssen ihren vermeintlichen Beweis, man habe die Hölle gefunden, kleinlaut dementieren.

Doch weiter kommen die Sowjets trotzdem nicht. 1989 haben die Forscher mit der Bohrung SG-3 eine Tiefe von 12.262 Metern erreicht; die unerwartete Hitze von 180 Grad macht ihnen nun einen Strich durch die Rechnung. Die Unternehmung hat zuletzt immer mehr Geld geschluckt, und die technischen Probleme sind nicht in den Griff zu kriegen.

1991 geht die Sowjetunion unter. Der Kreml ist bankrott.

Die Arbeiten an der Kola-Bohrung werden 1992 offiziell eingestellt. Aber selbst für den Abriss der Anlagen fehlt das Geld, und so verfällt das Prestigeprojekt unter dem eisigen Klima der nordrussischen Halbinsel. Nur die Bohröffnung verschweißen ein paar Arbeiter notdürftig – und schließen damit das letzte Kapitel einer geologischen Sensation.

Noch immer ist das Kola-Bohrloch der tiefste künstliche Punkt unserer Welt. Bis zum Mittelpunkt der Erde fehlen allerdings noch 6.359 Kilometer.

Ähnliches: Honigessen ist gesund, zu viel macht speien.

Meistgelesen: Wer dem Haufen folgt, hat viele Gesellen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.