Eine Abhandlung zu Für und Wider mitteleuropäischer Outdoor-Shopping-Sucht muss weder informieren, noch irritieren. Sie sollte sich auf das beschränken, was das Thema hergibt: Langeweile und billige Konsumkritik. Die beschämende Aufarbeitung eines ›Erste-Welt-Problems‹, dessen Nichtbeachtung die einzig sinnvolle Reaktion darstellen sollte – doch immerhin, wie Triebtäter Freud wusste: »Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation.«


Dass ein Autor keine bessere Idee hat, als einen Essay zu Konsum und Outdoor-Kultur hinzurotzen, beweist zwei nicht nur in literarischer Hinsicht unbedeutsame Sachverhalte. Erstens, dass unsere Gesellschaft zu einer verwöhnten Rotzgöre verkommen ist, deren innersoziale Befindlichkeiten zu keiner lohnenden Beschreibung genügen. Zweitens und damit letztens, dass die Autorschaft solcher Beiträge nichts weiter als ein kleines Rädchen im Uhrwerk dieser langweiligen Rudelbildung darstellen muss – eine Pfandmarke also, deren Signifikanz lediglich in der Rückgabe leerer Flaschen begründet liegt.

Los geht das billige Pamphlet mit einem Sechstklässlerargument: Wer den ›Lifestyle‹ seiner Klientel kennt, kann besser verkaufen. Punks, Yuppies, Junkies, Heimwerker, Biker – sie alle leben einen Kacktraum von irgendwas, das Geld kostet. Und gerade weil Kaufmuster als Teil von Routinen, Wiederholungszwängen und Verhaltensweisen auftreten, konzentrieren sich die Kapitalistenschweine da oben ganz auf die materielle Bedienung der damit verbundenen, regelmäßig stattfindenden Aktivitäten. Die Outdoor-Industrie ist dabei keine Ausnahme. Und die Umsätze steigen.

 

WER NICHTS BRAUCHT

Fridolin, 32, rotbärtig, Hesse-Interpret, beruflich noch unentschlossen, hat gerade an eine Latschenkiefer gekackt. Seinen Arsch hat er anschließend mit herumliegenden Ahornblättern abgewischt (wegen Radikalnatürlichkeit und Heilkräften), bevor er sich vollständig entblößt in einen Gebirgsbach legt und anschließend ein paar schöne, glatte Kieselsteine ins Flower Power-Zelt mitbringt. Darüber freuen sich Nicole und Kalle, die im Hippie-Tipi gerade Halsketten aus Naturalien basteln und Pur-Joints rauchen.

Die drei sind auf einem Wildnistrip im Sauerland unterwegs, vier Wochen Selbstversorgung, Aussteiger-Flair – und bleiben natürlich einfach da, wo es ihnen gefällt, ganz spontan. Barfuß laufen, lecker vollgepisste Waldbeeren essen und Brennnesseltee schlürfen, extralange Schambehaarung wegen Anti-Schönheitsideal, Nepal-Poncho und Dread-Dutt: Das ist er, der Alptraum der Outdoor-Industrie. Diese Leute kaufen nichts, weil sie nichts brauchen. Außer Gras und VW-Bus mit selbst eingebauter Liege. Voll praktisch, voll schön. Aber eben auch: Nonkonsum par excellence.

 

WER’S DRINGEND BRAUCHT

Tommy hingegen, 29, Junior Data Analyst in Festanstellung, seit acht Jahren liiert mit Claudia, 27, flachbrüstig, dialektfrei, ambitionierte Projektmanagerin im Automotive-Bereich, trägt heute seine griffigen Salewa-Approaching-Schuhe und säuft Filterwasser aus einem ultraleichten Trinkrucksack mit atmungsaktiver Rückenauflage. Er hat gerade seine zweite Schicht gewechselt und zieht wegen todbringenden Nieselregens und damit einhergehenden, so unerträglich wie feindosierten Kaltluftimpulsen im Nacken- und Nierenbereich schnell eine Arc’teryx-Hardshell-Jacke über, bevor die Hölle ausbricht – ein echtes Schnäppchen übrigens, das er nach siebeneinhalb Stunden Outdoor-Sales-Recherche für lachhafte 489 Euro erfeilschen konnte.

Die beiden machen im Sommer fast jedes dritte Wochenende eine Halbtagestour in den bayerischen Voralpen, um dann montags im Office vom ›freien Kopf danach‹ und den abschüssigen Trampelpfaden mit blauen Punktmarkierungen erzählen zu können. Höher als 3.000 Meter haben sie es trotz schweineteurem Equipment zwar noch nicht geschafft, aber: »Sorry, Bergsport ist ja auch kein Wettkampf«. So ähnlich stand’s zumindest im Globetrotter-Newsletter. Und dann natürlich: Norwegen, Norwegen, Norwegen! Einfach atemberaubend, unendliche Weite, aber eben auch »ziemlich rough«. Für verkannte Wikingerseelen wie Spacko-Tommy aber genau das Richtige.

 

OUTDOOR IST IN

Vor dem Zweiten Weltkrieg arbeiten noch immer viele Menschen draußen, und weder Muse noch Zeit gibt es für frische Luft. Doch spätestens seit den 1960er Jahren wandeln sich die Vorzeichen, und selbst gereifte Veteranen bekommen allmählich wieder Lust auf Wald und Wiesen: Der Begriff ›Freizeit‹ taucht im öffentlichen Diskurs immer häufiger auf, Familienurlaube werden möglich, und bauarbeitende Helmträger asphaltieren das Straßen- und Autobahnnetz aus. Man wandert, schwimmt in Seen, geht auf Berge. In den 1980er Jahren nimmt die Zahl der Outdoorbegeisterten etwas ab, doch dafür trifft der unbescholtene Bürger auf immer mehr Nischenaktive – und damit kapitalkausal verbundene Schaufenster kleiner Geschäfte für Camping, Picknick, Backpacking. Am schnellsten verbreiten sich allerdings stark technologisierte Beschäftigungen wie Snowboarding, Kanusport oder Fahrradfahren. Der steigende Bedarf nach teurem Kram ist logische Folge: Im Schnitt schafft es die Outdoor-Industrie mittlerweile, rund 150 Euro pro Jahr und pro Kunde umzusetzen.

Aus einer Massenbewegung sind heute unzählige, absonderliche Spezialsportarten entstanden: Vom Bouldern übers Trailrunning zum Eisklettern – es sind gute Zeiten für die riesige, natursportige Industriekrake, die in Europa knapp 6 Milliarden Euro pro Jahr macht (mehr als das BIP von Eritrea, mehr als viele Fußballfelder voller Goldklumpen, tausende übereinandergestapelte Elefanten, fünfmal um den Äquator gewickelt, Deutschlands längste Bratwurst). Kurzum: Salomon und Haglöfs schreiben schwarze Zahlen. Doch wie dringend brauchen wir die teuren Spezialplastik-Sachen, ohne die wir unsere Draußenaktivitäten angeblich nicht bestreiten können?

 

KAUFEN ODER NICHT KAUFEN?

Wenn man für einen lustlos und schlampig geschriebenen Beitrag zum Langeweilerthema ›Outdoor-Shopping‹ mangels eigener Gedanken nach einem sinnigen Eingangszitat für sperrige Sätze sucht, ist es sicherlich der fehlenden journalistischen Ambition geschuldet, fällt die Auswahl dann auf Barbara Krugers Hohlphrase »I’m living my life, not buying a lifestyle«. Auf Grundlage dieses dummen Ausspruches, der als ernsthafte Konsumkritik noch nicht mal auf Pop Art-Plakaten mit neongelbem Marx-Siebdruck reinigende Wirkung entfalten kann, lässt sich – etwas holprig – schließen: Auch Outdoor kann beides sein – Aktivität und Lifestyle. Doch für was sollte man Geld ausgeben? Prämisse wäre ja bei dieser einschläfernden Frage: Wann ist Fridolins antikapitalistischer Lifestyle angemessen, und wann sollte ich gemäß Tommies Kaufkriterien entscheiden?

Das Spektrum zwischen beiden Konsumtypen lässt Klangraum für jedwedes Kassenklingeln. Weil aber nicht alle Pseudo-Personalities gleich kostspielig sind, sollten vor jeder Kaufentscheidung zu zusätzlichem Outdoor-Material drei entscheidende Grundsatzfragen beantwortet werden. № 1: Übe ich die Aktivität als solche länger aus als die Zeit, die ich zum Kauf von passendem Equipment investiere? № 2: Sehe ich beim Blick in den Spiegel wirklich den zotteligen, dreizehigen Reinhold Messner, oder zwinkert mich nicht doch eine schnutenziehende Instagram-Persönlichkeit in pinkem Ischgl-Pelzmantel an? № 3: Wie sehr unterscheiden sich die Risiken und Unwägbarkeiten meiner Outdoor-Aktivität von tatsächlich ausstattungsintensiven Beschäftigungen wie Mondlandungen, Militäroperationen oder Tiefseetauchgängen?

Wer den Spagat zwischen ›Aktivität‹ und ›Lifestyle‹ schafft, macht sich das Leben leichter. So klärt sich nämlich schnell wie schlüssig, ob die eigene Betätigung den verlockenden Eigenbegriff ›Trailrunning‹ tatsächlich verdient, oder ob man einfach nur auf dem Scheißacker nebenan ausgerutscht ist – und damit natürlich, wieviel Geld für sowas auszugeben ist.

Daher, kapitalistische Weisheit: Was billig ist, sollte nichts kosten. Und das gilt für Lifestyles genauso wie für dumme Kommentare in Schriftform.

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